Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 18.1906

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Zur Kultur des Schaufensters.

genommen haben, dass sie nicht nur den Eindruck
des Hauses, sondern das ganze Strassenbild be-
herrschen, ist damit auch ein neues Stück ästhe-
tischer Verantwortung auf den Kaufmann gefallen.
Das Schaufenster ist zu einem wichtigen Gradmesser
unserer künstlerischen Kultur geworden. Die wich-
tigste Rolle spielt dabei die Farbe: ein ruhiges
Farben-Arrangement vermag die Unruhe, die das
Schaufenster in die Fassade gebracht hat, zu einem
grossen Teil wieder gut zu machen. Hier zeigt sich
aber ganz besonders schmerzlich, wie wenig Farben-
kultur unsere Zeit besitzt. Was süss und bunt ist,
wirkt auf die Menge: wer also das Massen-Publi-
kum fangen will, stattet auch sein Ladenfenster so
süss und so bunt als möglich aus. Am schlimmsten
ist es da, wo die angebotene Handelsware selbst
einen Stich ins „Künstlerische" haben soll: das
„Kunstgewerbe" des Ramschgeschäfts mit seinen
rosafarbenen Lampenschirmen, falschen Meissner
Porzellanfigürchen, imitierten Tiffanyvasen u. dergl.
Oder wo auf unfeine Instinkte der weiblichen Eitelkeit
spekuliert wird: bei den Modegeschäften letzten und
allerletzten Ranges mit ihrem süssen Plunder von
Bändern, Federn, falschem Schmuck usw. Bezeich-
nend ist, dass man im allgemeinen noch am meisten
Geschmack oder sagen wir: am wenigsten Ge-
schmacklosigkeit bei den Geschäften findet, die am
wenigsten mit der Kunst zu tun haben: ein Künstler
wird wohl einmal aus der Auslage eines Droguen-
oder Delikatessenhändlers die farbigen Anregungen
zu einem Bild schöpfen, aber zu allerletzt aus einem
Kunst- oder Kunstgewerbeladen.

Die Geschmacklosigkeit der Schaufensterauslagen
findet ihre würdige Ergänzung in dem Missbrauch,
der heutzutage mit den Firmenschildern getrieben

wird. Diese, meist in schreienden Farben ausge-
führt, ruinieren vollends, was noch zu ruinieren
ist. Und dabei ist diese Übertreibungssucht ganz
zwecklos. Das Unwesen hat einen Grad erreicht,
wo es schon seine Wirkung verfehlt. Eine ruhige
und würdige Aufschrift, wuchtig und einfach, etwa
weiss in eine schwarze Steintafel eingelassen, oder
in Messingplatten ausgeführt, hat nicht nur ihre
dekorative Berechtigung, man liest sie auch eher,
und sie wirkt vertrauenerweckender als das mark-
schreierische Vollkleben der Fassade, wodurch das
Haus zur Plakatsäule herabgewürdigt wird. Die
Geschäftsstrassen unserer Großstädte haben dadurch
etwas Jahrmarktartiges bekommen, namentlich wo
noch die modernen Trics der Scheinwerferplakate
und dergl. dazu kommen. Man muss nur einmal
einen Pariser Boulevard gesehen haben, um sich
davon einen Begriff zu machen.

Je mehr freilich alle diese Auswüchse im Geist
des modernen Geschäftslebens selbst liegen, desto
weniger darf man vom guten Willen und ästhetischen
Gewissen des Einzelnen erwarten. Hier müsste schon
eine öffentliche Zensur einsetzen, welche direkt ver-
bieten könnte - sie wäre vielleicht mindestens
ebenso angebracht, wie die sittenpolizeiliche Über-
wachung unserer Buch- und Kunsthandlungen. Das
ist freilich eine Utopie, an deren Durchführbarkeit
im Ernst niemand glauben wird. So ist die Un-
kultur, die sich heutzutage in unseren Schaufenstern
breit macht, ein Übel, gegen das schliesslich nur
eine allgemeine Hebung des künstlerischen Ge-
schmacks allmählich helfen kann - ein Krankheits-
sympton, das von selbst verschwinden wird, wenn
die Krankheit selbst mit ihren Ursachen geheilt ist.

Prof. Karl Widmer-Karlsruhe i. B.

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