Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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Auguste Rodin—Paris.

Leben in der Gestalt, die das Jenseits des
Stoffes ist. Hier stemmt sich der Stoff der
Bildgewalt in ungezähmter Wildheit entgegen.
Nicht nur der Stein, die Erde selbst bäumt
sich auf und brandet laut um die Inseln der
Form. Was aus ihr emporstrebt, zieht sie
wieder zu sich nieder; gegen sie gilt keine
Willkür und keine Freiheit. Voll reinen
Strebens wächst der Körper der Danaide aus
ihr hervor. Aber kaum daß die Form sich
rundet und zum Höchsten sich erkühnt, wird
die Kraft der Erde wirksam, bricht ihr die
Kniee, beugt ihr das Rückgrat, saugt die Arme
und die Brüste wieder in sich ein, bettet das
Gesicht hart an ihren steinernen Busen, und
die Haare sind schon wieder zu frommer
Erde geworden und verlieren sich wie Quellen
im Sand.

Wenn der Hermes des Praxiteles ein
Siegesdenkmal ist, so bedeutet diese Danaide
das Denkmal einer Niederlage. Der Löwe
von Chäronea ist ihr Vorbild. Wenn in der
griechischen Plastik alle Freiheit des Menschen
Gestalt gewonnen hat, so gibt Rodin lauter
monumentale Ausdrücke des Gebundenheits-
gefühles, in dem letzten Grundes der Unter-
schied zwischen der modernen und der antiken
Welt gipfelt. Die Tellus triumphans ist sein
ewiger Gegenstand. Strahlend, heroisch, voll
düsteren Prunkes, einem Gebirge ähnlicher
als einer Menschengestalt, erhebt sie sich in
seinem Balzac. Träge, gelassene Größe in
jeder Falte, tellurische Wucht und Sattheit in
jeder Form, innerlich von Dunkel erfüllt, von
keinem Tag ganz zu durchleuchten — so
steht diese Masse da als das bedeutendste
Wort, das die moderne Menschheit über ihr
Verhältnis zum Universum zu sagen gewagt
hat. Ein sanfteres Wort spricht die Erde in
Schöpfungen wie Songe, L'Emprise, LaNature-,
da raunt sie einen betörenden Sang von der
Süßigkeit der Sklaverei und flüstert von heim-
lichen Entzückungen, die schöner sind als
alle Reize und Freuden der Freiheit.

So steht das Werk Rodins, was seine
menschlich-symbolische Bedeutung anlangt,
gerade am entgegengesetzten Ende der Kette
von Möglichkeiten, an deren anderem Ende
das Werk|des Griechen steht. Aber es ist

in seiner Art genau so absolut, so endgültig,
so aus letzten Tiefen heraufgeholt wie dieses.
Dort freut sich der Mensch seiner heidnischen
Freiheit, seiner stolzen Willkür, seiner Herrschaft
über das Chaos. Hier berauscht er sich an
seiner Tragik, hier schwelgt er in dem Genuß
der ewigen Zusammenhänge, hier trägt er seine
Ketten wie ein Ornat, hier wird er frei, indem
er sich als Dienender fühlt. Das Verneinen
der dunklen Mächte" ist nicht erhabener als
das Bejahen. Denn in beiden Fällen stellt
sich der Mensch ihnen gleich und beherrscht
sie. Es gibt von Rodin einen Kopf, den er
»Die Weinende« genannt hat. Er zeigt die
erstarrte Grimasse des in Tränen sich aus-
lebenden Leides. Alles, selbst die kleinste
Fläche, ist in diesem Gesichte in Bewegung
gesetzt. Das Licht, das von oben über dieses
furchtbare Gebilde herfällt, kann kaum genug
tun, um all diese Falten und Risse, all diese
Rundungen und Brechungen nachzuzeichnen.
Die Durcharbeitung ist absolut. Mehr an
Ausdruck vermöchte die gegebene Fläche
selbst unter eines Gottes Händen nicht auf-
zunehmen. Jedes dieser Fältchen, Risse und
Runzeln ist bis zum Überlaufen mit starrem
Leid gefüllt. Jedes Lichtchen ist ein Schmerz,
jeder Schatten und Halbschatten ist stöhnende
Qual. Alle diese Ausdrücke summieren sich
derart, daß es schließlich fast unmöglich
scheint, das Endergebnis mit Augen und Herzen
ganz aufzunehmen. Aber im selben Augen-
blick, da wir im Übermaß dieser Qual zu
erstarren meinen, blüht aus dem Grunde unserer
Seele eine Freude wie eine große, schimmernde
Blume hervor. Indem wir noch weinen,
jauchzen wir schon, indem die Trauer an
der Welt uns noch das Herz zusammenpreßt,
sind wir innerlich mit Glück überschüttet.
Denn hier ist Welt, hier ist Wahrheit und
Leben, hier ist Gott und Teufel, hier ist
Anfang und Ende, hier ist alles, was inneres
und äußeres Leben unseren gierigen Herzen
auf diesem armen Stern zu schenken vermag.
Indem wir dieses sehen, leben wir. Unser
ewiges Heimweh verstummt, wir blicken ringsum
und sprechen: Ja hierher wollte ich, hierher
gehöre ich, dies ist heimatliches Land. —

WILHELM MICHEL—MÜNCHEN.

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