Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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KUNST UND INDUSTRIE.

In Sachsen haben Kunstgewerbler und Indu-
strielle unter lebhafter Anteilnahme der Staats-
regierung eine Landesstelle für Kunstgewerbe
begründet. Das Programm enthält als Haupt-
punkte die Säße, daß von lebendiger Kultur nur
dann die Rede sein kann, wenn edle Erzeugnisse
in möglichst breite Massen dringen, und daß die
bestehenden Unstimmigkeiten zwischen Künstlern,
Industriellen, Handwerkern und Händlern nach
Möglichkeit beseitigt werden müssen.

Für München entbehren diese Programm-
punkte nicht eines besonderen aktuellen Interesses.
Denn sie bilden auch — so verständnisvoll weiß
man an den verschiedensten Orten des Reiches
den jeweiligen Forderungen des Tages Gehör zu
geben! — die Stüßpunkte des Programms der
Ausstellung München 1908. Was Professor
Riemerschmid kürzlich in den Süddeutschen
Monatsheften über die Ziele dieser Ausstellung
gesagt hat, deckt sich auf erstaunliche Weise mit
den Absichten, die man in Sachsen verfolgt, nur
mit dem Unterschied, daß der dortigen Teilnahme
der Staatsregierung hier eine offizielle Gemütlich-
keit gegenübersteht, die fast einer Staats-Negierung
gleichkommt. Ja, die bisherigen Vorarbeiten der
Ausstellung München 1908 haben sogar, wie ich als
unbeteiligter Zuschauer feststellen konnte, schon
einen wichtigen Beitrag zur Lösung der in Rede

stehenden Aufgaben geliefert. In Sachsen sprach
man allgemein von bestehenden Unstimmig-
keiten zwischen Kunst und Industrie. Man sprach
von einer notwendigen Versöhnung zwischen
beiden, und diese geplante Versöhnung seßt doch
bestehende Differenzen logischerweise voraus.
Wir haben hier in München feststellen können,
daß diese Differenzen, die sicherlich einmal be-
standen haben, heute nicht mehr existieren. Wir
haben feststellen können, daß die Geschäftswelt
durchdrungen ist von dem redlichsten Streben,
auf die Absichten der Künstler einzugehen, daß
sie volles Verständnis dafür besißt, wie sehr sie
auf die Mitarbeit der Künstler angewiesen ist.
Es ist ihr klar geworden, daß sie nur dann ge-
schäftlich handelt, wenn sie die Ergebnisse der
künstlerischen Vorarbeiten kräftig nußt, weil diese
Bestrebungen die Zukunft für sich haben. Die
Münchner Geschäftsleute sagen sich nicht mehr:
Man kann die neuen Bestrebungen fördern und
doch Geschäftsmann sein ! — sondern sie sagen
sich: Man ist nur dann Geschäftsmann, wenn
man auf die von den Künstlern zuerst erkannten
Tendenzen der neuen Zeit eingeht!

Kunst und Industrie als Feinde? Man müßte
die berühmte Parabel des Menenius Agrippa
wiederholen, um das Widersinnige dieser Feind-
schaft klarzustellen. - wilhelm MrcHEr.

GOLDSCHMIED
KM 1L LETTRE

GÜRTEL"
St'MUKSSI-:.
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