Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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KÜNSTLER UND AUFTRAGGEBER.

Das Verhältnis zwischen Auftraggeber und
Künstler ist seiner Natur nach keineswegs
so verzweifelt, wie man wohl gelegentlich in
morosen Stimmungen gemeint und gesagt hat.
Wenn ein Künstler wirklich der Meinung ist, daß
jede Schranke — und ein bestimmter Auftrag ist
von vornherein stets eine beschränkte Aufgabe —
ihn an der freien Entfaltung seiner Schöpferkraft
hemme, so stellt er eben dieser Schöpferkraft
kein sehr gutes Zeugnis aus. Es gibt schlechter-
dings keinen Stoff, aus^dem nicht ein Kunstwerk
zu machen wäre, keine Aufgabe, deren natür-
liche Schranken eine Hemmung für das künst-
lerische Ingenium bedeuten müßten. Shakespeare-
kenner belehren uns, ihr Dichter habe sich deshalb
so gerne an Stoffe aus der italienischen Novellistik
gehalten, weil seine Vorgänger das ebenfalls
getan hatten und weil das Volk, sein Publikum,
diese Erzählungen kannte und liebte. Ähnliches

gilt für die Königsdramen, die deutlich auf eine
Verherrlichung des regierenden Hauses abzielen,
die sich freiwillig auf eine dynastisch modifizierte
Vaterlandsliebe festlegen. Was ist aber unter
Shakespeares Hand aus diesen Stoffen geworden?
Kunstwerke von so gewaltiger, sieghafter Frei-
heit der Idee, daß man schwören möchte, die
Idee, der künstlerisch-ethische Gehalt der Stücke
sei durchaus vor der Stoffwahl in des Dichters
Geist vorhanden gewesen.

Daraus geht hervor, daß die Schranken der
Aufgabe, richtig genommen, untaugliche Mittel
sind, um die künstlerische Schaffenskraft zu
hemmen. Die Aufgabe sei so beschränkt wie
möglich, troßdetn wird die Gestaltungskraft zu
einer guten, wertvollen Lösung gelangen können.

Etwas anderes aber ist es, wenn der Auf-
traggeber nicht nur die Aufgabe bestimmt, son-
dern zugleich auch vorschreibt, wie die Lösung


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