Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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A. Jaumann:

GOLDSCHMIED EMIL LETTRE - BERLIN.

Die Unzulänglichkeit des Bildes als Ersaß der
Wirklichkeit, die technisches Raffinement zu-
weilen schier vergessen läßt, tritt brutal und
peinlich-störend zutage, wenn Geschmeide wieder-
zugeben sind und Edelmetallarbeiten. Diese
Kleinode haben gleichsam ein doppeltes Gesicht:
Das eine, grobe, rein optische, kann die photo-
graphische Kamera noch abfangen. Aber dies
Gesicht ist seelenlos. Vom Wesen des kost-
baren Dinges erzählt es nichts. Die Seele edlen
Schmuckes liegt in den feinsten Reizen des
Metalls, in Struktur und Lichterspiel der Steine,
in den zartesten Nuancen der menschlichen Arbeit
und nicht zuleßt - leugnen wir es nicht - in
dem materiellen Wert, den diese räumlich so
kleinen Gegenstände repräsentieren. Ein Ver-
mögen, unübersehbar in seinen Wirkungsmöglich-
keiten, wollte es die gebannten Wunderkräfte
entfalten, ruht, geheimnisvoll funkelnd und büßend,
in deiner Hand. Die plumpe Kraft, die als Geld
die Welt regiert, hat da ihre köstlichste, vor-
nehmste Gestalt angenommen. Ihre Seele ist

erblüht und blickt aus abgrundtiefen Augen her-
vor, wohlige Schauer verbreitend. Aber die
photographische Platte ist für dieses Gesicht un-
empfindlich. Sie gibt ein wenig von dem zeichneri-
schen Plan, ein wenig auch vom „modele" der
Oberfläche — alles andere, das Beste, haftet
ausschließlich am Original.

Die Bildwirkung ist für den Goldschmied,
wie für die meisten Nußkünstler, eine recht
nebensächliche Frage. Freilich, mustern wir das
Kunstgewerbe der leßten Jahre, wir werden
wenig Arbeiten treffen, die nicht als Zeichnung,
als Bild erfunden sind und in der Ausführung
nichts weiter darstellen als Reproduktionen von
Zeichnungen. Lebende Bilder! Selbst die land-
läufige Produktion in Steinen und Edelmetall ist
auf diesen verführerischen Abweg geraten, war
auch, als Industrie, kaum davor zu retten. Sobald
das Atelier sich von der Werkstatt löste und
„der Zeichner" sich als Künstler etablierte im
Gegensaß zum Handwerker, dem nur die Aus-
führung des gezeichneten Entwurfes blieb, war

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