Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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Das Buch im Privathausc.

Dekoration eine Aufgabe, die wie uns
scheinen will, bisher sehr zu unrecht einiger-
maßen vernachlässigt worden ist. In dem vor-
zeitlichen Handbuch der Lebensbildung und des
guten Geschmacks, das Professor Dr. Ed. Heyck
kürzlich in Verbindung mit mehreren Kunst-
gelehrten, insbesondere mit Karl Scheffler, unter
dem Titel „Moderne Kultur" herausgegeben hat,
wird in einer ganzen Reihe ansprechender Essays
von der Kultur und dem Geschmack des Wohnens
gehandelt und zwar nicht blos von Stoff, Form
und Farbe der Zimmereinrichtung, sondern auch
vom bildlichen und plastischen Schmuck des
Zimmers, vom Komfort einschließlich des Schreib-
tisches und seines Zubehörs, von der Blume im
Hause usw. Von dem Buch im Hause ist aber
'eider, wenigstens in dem bisher erschienenen
ersten Band, nicht die Rede und auch die Bilder-
beilagen zeigen uns nur einen einzigen „Bücher-
raum" nach dem Entwurf von Richard Riemer-
schmid. Und auch dieser lerjtere hilft uns
nicht eben viel, weil eben die Einrichtung eines
eigenen Bibliothekzimmers voraussichtlich noch^
für längere Zeit das Vorrecht einer verhältnis-
mäßig dünnen Oberschicht sein wird. Für den
gebildeten Mittelstand, der doch allmählich auch
Sinn und Verständnis für die Wohnungskultur
gewinnt, wird es noch lange dabei bleiben, dag
die Bücher teils im Herrenzimmer, teils im Boudoir,
teils im Salon, teils auch im Kinderzimmer unter-
gebracht werden müssen. Und aus dieser Notwen-
digkeit erwachsen heutzutage dem Bücherfreund
allerlei Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten.

Die Beseitigung dieser Schwierigkeiten liegt
zum Teil beim Buchhandel. Man sieht eines der
Lebenswunder darin, daß die Natur niemals zwei
völlig gleiche Dinge hervorbringt. Diesem Vor-
bild scheinen unsere Verleger mit gutem Erfolg
nachzustreben. Die Zahl unserer Buchformate
•st Legion, die Mannigfaltigkeit geradezu staunens-
wert. Wir könnten hervorragende Verlegerfirmen
nennen, die es fertig bringen, verschiedene Bände
desselben Werkes in einem um mehrere Centimeter
differierenden Format in die Welt hinauszusenden.
At)er auch wo man soweit nicht geht, scheint
man doch eine Ehre darein zu serjen, die Format-
möglichkeiten bis zu den Unmöglichkeiten zu
erschöpfen. Und diese „ungleichen Kinder Evas"
sollen sich nachher in den Regalen friedlich
miteinander vertragen, ja sogar noch ordentlich
aussehen. Es gibt allerdings ein System, das
von diesen Schmerzen nichts weiß; das sind die
sogenannten „Klassiker-Bibliotheken", wie sie zu
Ramschpreisen in knallbuntem Gewand in so
manchem jungen Hausstand gekauft werden, zu
einem anderen Zweck, als nachher in dem genau

passenden Regal schön in Reih' und Glied zu
stehen, , haarscharf ausgerichtet, wie eine Ehren-
kompagnie des Gardekorps. Aber gerade wo man
lebendige Beziehungen zur Literatur pflegt, wo
man nach Wissen und Gewissen das Beste aus-
sucht von dem, was das Jahr hervorbringt, wo
man das einmal gut Erfundene immer wieder
hervorholt, um es in seinen tiefsten Tiefen und in
seinen intimsten Reizen zu erschöpfen, gerade
dort erwachsen die mancherlei Sorgen aus dem
ungeberdigen Individualismus der Musenkinder.

Ich meinerseits sehe schlechterdings keinen
Grund, warum der Verlagsbuchhandel sich nicht
auf 3-4, meinethalben auch 5-6 Formate einigen,
warum z. B. nicht die deutschen Romane eine
ähnliche Einheitlichkeit der äußeren Form sollten
erhalten können wie die englischen und fran-
zösischen. Dann wird von selbst der Möbel-
industrie und dem Kunsthandwerk, die schöne
und zweckmäßige Büchergestelle schaffen sollen,
die Aufgabe wesentlich erleichtert. Und bisher
haben wir in der Tat nicht eben viel Gutes auf
^diesem Gebiet. Die eigentlichen Bücherschränke
sind häufig nur in ihren oberen Partien wirklich
brauchbar; prinzipiell zu verwerfen ist aber jedes
System, das verschiedene Reihen von Büchern
hintereinander vorsieht und so mindestens die
Hälfte von vornherein schwer erreichbar macht.
Zum mindesten für die umfangreichere, regel-
mäßig und allseitig benütjte Bibliothek des Herren-
zimmers dürfte sich in der Hauptsache das offene
Regal empfehlen mit leicht und bequem ver-
stellbaren Fächern - was es leider heute noch
kaum zu geben scheint — die sich außerdem
auch vertikal abteilen und begrenzen lassen.
Damit ließe sich zugleich dem Übelstand vor-
beugen, daß ein Regal bisher eigentlich nur dann
gefällig aussieht, wenn es vollständig gefüllt, also
für den neuen Zuwachs der Bücherei unbrauchbar
geworden ist. Was man bisher zur Beseitigung
dieses Übelstandes schon getan hat, die Ein-
richtung kleinerer Büchergestelle, die einzeln nach
Bedarf gekauft werden können und aufeinander-
gestellt genau zusammenpassen, ist meines Er-
achtens eine bemerkenswerte aber noch keine
ideale Lösung dieser schwierigen Frage.

Gänzlich im Fluß und vom Ideale noch weit
entfernt ist schließlich auch noch die Frage
des Bucheinbands. Hier wird immer noch viel
gesündigt. Für immer überwunden ist glücklicher-
weise die grauenvolle Geschmacklosigkeit, die in
den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
speziell die Klassiker in ein Gewand von schäbigster
Pseudo-Eleganz gesteckt hat. Aber Abweichungen
von dem geraden Wege kommen leider immer
noch vor. — d*- hermann diez.

1908. i. n
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