Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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Gefühl und Verstand.

GEFÜHL UND VERSTAND.

Im Oktober-Heft der „Deutschen Kunst und
Dekoration" nahm ich gegen das unangebrachte
Grübeln beim künstlerischen Schaffen Stellung,
heute will ich, um Mißverständnissen vorzubeugen,
mit ein paar Worten das nicht auf Spitzfindigkeiten
ausgehende, planmäßige Denken und Arbeiten
verteidigen.

Es ist neuerdings üblich geworden, der Denk-
tätigkeit und planmäßigen Arbeit beim künstler-
ischen Schaffen mehr oder weniger die Be-
rechtigung abzusprechen und an deren Stelle das
Gefühl und die göttliche Inspiration zu setzen.
Natürlich erklärt sich diese Auffassung aus dem
Umstände, daß gerade über Kunst und Kunst-
schaffen zahllose Schriften verfaßt wurden, deren
innerer Wert in gar keinem Verhältnis zu dem
Aufwand an wirklicher oder scheinbarer Gelehr-
samkeit steht, und ferner aus dem im Laufe vieler
Jahre aufgespeicherten Groll der künstlerisch
tätigen Menschheit gegen die Hierarchie der
Wissenschaft, die keine anderen Götter neben
sich duldete. Auch mag es manchem Künstler
schmeicheln, angestaunt zu werden als das aus-
erwählte Werkzeug eines göttlichen Willens.

Den äußern Anlaß zu dieser kleinen Aus-
einandersetzung geben mir ein paar Gedanken
Ruskins, auf die ich beim Studium seiner Werke
stieß.

Nach Ruskin sehen alle großen Künstler,
was sie malen wollen, bevor sie es malen, in
einer durchaus passiven Weise (siehe die Eugen
Diederichs'sche Ausgabe, Band 13, S. 99), ohne
bei der Darstellung auch nur ein Jota oder ein
Titelchen an dem Geschauten zu ändern (S. 100),
nach Ruskin ist dem Homer die Wahl des Stoffes
und die Disposition seiner Werke durch eine
„Vision offenbart" worden (S. 103). „Die Vision
hat ihn überkommen in schon gewählter Ordnung.
Für ihn gewählt, nicht durch ihn und doch
voll der sichtbarsten und erlesensten Auswahl,
geradeso wie ein süßer und vollkommen reiner
Traum zu einem sanften und vollkommen reinen

Menschen kommen wird.....Homer war ganz

einfach ein Schreiber geworden und schrieb
schlicht nieder, was er hörte und sah. Und alle
Anstrengung, ähnliche Werke durch Gedanken-

arbeit oder durch Befolgen von Regeln zu schaffen,
und jedes Bemühen, den ersten Auftrag des Ge-
sichtes zu verbessern, es abzuändern und anders

zu ordnen, ist nicht erfindend....... Wenn

jemand, der irgendwelche Gestalten auf einer
Leinwand festgehalten sieht, durch seine Urteils-
kraft entscheidet, daß, wenn gewisse Änderungen
daran angebracht würden, die Wirkung verstärkt
oder das Ganze verbessert sein könnte, so ist
das nicht nur nicht erfindsam, sondern ganz
entgegengesetzt der wahren Erfindung, die im
unwillkürlichen Auftauchen gewisser Formen und
Phantasien vor der Seele, ganz in der Ordnung,
in der sie geschildert werden sollen, besteht.
Darum hat das Wissen um Regeln und die An-
wendung von Scharfsinn und Urteilskraft Neigung
dazu, den freien Fluß der Phantasie zu schädigen
und zu verwirren; so daß es sich ergibt, daß in
gleichem Maße, in dem ein Meister über die
Regeln von Recht und Unrecht Bescheid weiß,
es ihm vermutlich an Erfindungsgabe gebricht;
und in gleichem Maße, in dem er höher im
Range steht und sich edlerer Erfindungsgabe
erfreut, wird er weniger um die Regeln und um
die Gesetje wissen; nicht sie verachten, aber
ganz schlicht fühlen, daß zwischen ihm und ihnen
gar nichts Gemeinsames ist, daß Träume nicht
in Regeln gezwängt werden können. . . (S. 104)".

Diese Worte kennzeichnen aufs beste die
moderne, phantastische Auffassung vom Wesen
des künstlerischen Schaffens, die die Kunstjünger
verwirrt, vom planmäßigen Studium abhält, sie
zum Größenwahn führt oder ihnen den Glauben
an die eigene Tüchtigkeit raubt, und die deshalb
gar nicht scharf genug bekämpft werden kann.

Nach meiner Ansicht halten große Künstler
sich nur scheinbar an keine Regel. Sie sind
durch außerordentlich vieles Denken nach einer
bestimmten Richtung hin so sehr an diese be-
sondere Art des Denkens gewöhnt, daß ihre
Denktätigkeit blitzschnell vor sich geht und ihnen
selber kaum noch bewußt wird. Ganze Gedanken-
gänge, die wir Durchschnittsmenschen mühsam
durchlaufen, sind für sie bereits etwas Fest-
stehendes geworden, das sie genau so in Rechnung
stellen, wie der Mathematiker seine kurzen, ihm

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