Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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FRITZ ERLERS WIESBADENER FRESKEN.

GEORG MUSCHNER—MÜNCH EN-PLANEGG.

Kein Zweifel, Fritz Erlers Fresken im
Muschelsaal des Kurhauses in Wiesbaden
haben etwas Neues, das die Gemüter in
Bewegung setzt. Das Publikum gerät vor
diesen Bildern in Aufregung; Kenner gestehen
kopfschüttelnd: das sei etwas Bedeutungsvolles.
Die Presse nannte ein paar Dutzend Vorbilder
aus alter und neuer Zeit. Mit Vorbildern ist
hier nicht auszukommen. Fritz Erlers Kunst
hat wohl nur mit zwei Malern innere Zu-
sammenhänge, mit Feuerbach und Böcklin.

Die Fresken treten in eine Zeit erneuter
Schiebungen. Was wir vor zwanzig Jahren
modern nannten, erscheint uns zum Teil wieder
überlebt, zum Teil nie modern gewesen.
Und doch gilt es gerade jetzt, die Errungen-
schaften der Wenigen, die Entwicklung gebracht,
auszugestalten. Wir stehen vor dem Schau-
spiel, daß, während die bekannten dekorativen
Richtungen durch ihren Zenith gehen, ein neuer

Entwicklungsträger der dekorativen Malerei
hervortritt.

Die Freske gehört vorwiegend zur Kunst
größeren Stils. — Vielen sind die Wies-
badener Wandbilder in Form und Inhalt nicht
klassisch genug. Sie vergessen, daß neue
Werke ihre eigene Klassik anstreben. Neue große
künstlerische Taten laufen im wesentlichen
auf dieselben alten großen Gesetze hinaus —
ich nenne besonders das der Vereinfachung —
und sind höchstens neue Lösungen. Diese aber
sind bei der augenblicklichen Konstellation
nur zu erreichen, wenn die Ergebnisse des
Naturalismus nicht verloren gehen, sondern
zu neuklassischen Werken ausreifen.

Die Wandbilder sind geschaffen, um einen
modernen Kursaal zu schmücken. In dieser
praktischen Aufgabe liegt ein Schlüssel zur künst-
lerischen Konzeption. — Das Thema lautete:
die vier Jahreszeiten. Die Behandlung war frei

1908. IV. 1.

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