Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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KUNST-VERSTÄNDNIS.

Man sagt, daß über den Geschmack nicht
zu streiten sei. Es ist das herrlichste
Wort für den, der eines Streites müde ist,
oder für den friedenstiftenden Dritten. Man
ist gewohnt, sich der Autorität dieses Wortes
resigniert zu unterwerfen, und bedenkt so
selten, daß es nur sehr bedingt wahr, in der
häufigsten Anwendung sogar falsch ist. Falsch
ist es überall da, wo es auf das Urteil über
Kunstdinge bezogen wird. In Dingen der
Kunst gibt es nur einen gebildeten und einen
ungebildeten, einen guten und einen schlechten
Geschmack. Innerhalb des guten Geschmackes
ist freilich Raum für allerlei individuelle Unter-
schiede, immer aber ist er vom schlechten
durch eine ganze Welt geschieden.

Was hat man aber unter gutem Ge-
schmacke zu verstehen?

Diesem Begriff eine objektive Bestimmung
zu geben, hält schwer. Man müßte be-
stimmen, worin das Wesen der Kunst über-
haupt besteht, und könnte dann erst sagen,
daß der Geschmack ein guter sei, der an
Werken, die dieser Bestimmung entsprechen,
Gefallen findet.

Aber es gibt eine wesentlich einfachere,
eine subjektiv formulierte Lösung der Frage,
worin der gute Geschmack bestehe. Sie
lautet: Gut ist jeder gebildete Geschmack
(das Wort im partizipialen Sinne genommen),
das heißt, derjenige Geschmack, dessen Ur-
teilsbildung ein ausgedehntes Vergleichs-
material zu Grunde liegt.

Gemeinhin geht man von der Anschau-
ung aus, die Eigenschaft, die man mit dem
Adjektivum »geschmackvoll« bezeichnet, sei
eine Gabe der Natur und mit dem Unver-
änderlichen im Menschen, nämlich mit seinem
Charakter, auf das Innigste verbunden.

Das trifft nicht zu. Es gibt keinen an-
geborenen guten Geschmack. Wer in Kunst-
dingen ein sicheres Urteil besitzt, hat es sich
regelmäßig selbst erworben, indem er sich
mit vielen Kunstwerken konfrontierte. Denn
urteilen heißt vergleichen, und vergleichen
kann man nur, wenn man über ausreichende
Vergleichskomponenten verfügt. Es gibt nur
ein Mittel, das Kunstverständnis zu schulen
und zu verfeinern, und das besteht darin,

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daß man Vieles sich anschaut und zum
Gegenstand ästhetischer Urteile macht.

, Es ist nicht nötig, daß man nur '.Gutes
sehe. Bringt uns etwa die Mittelschule, die
uns neun Jahre lang mit literarischer creme
de la creme versorgt, in ein dauerhaftes Ver-
hältnis zur literarischen Produktion ? Hat ihr
Verfahren zur Folge, daß wir mit einem
wohlgebildeten Geschmack ins Leben treten ?
— Keineswegs. Besser als »Gut und Wenig«
ist »Gemischt und Viel«. Wer seinen Ge-
schmack schulen will, muß so Viel ansehen
als möglich. Ja, das Schlechte führt unter
Umständen noch sicherer und direkter in die
Werkstatt des künstlerischen Schaffens als das
Gute. Das Gute ist lauter Sieg und verrät
nichts oder wenig von den Mühen des
Kampfes. Es zeigt uns den Weg nicht, der
zu diesem Gelingen führte. Den zeigen uns
aber die, die auf halber Strecke stehen ge-
blieben sind. Sie weisen schmerzlich auf das
Ziel, dessen Erreichung ihnen nicht vergönnt
war, und weisen somit auf den Weg, der sie
davon noch trennt.

Vieles sehen, nicht nur Gewähltes, das
erzieht kunstverständige Gemüter. Aus dem
Vielen lernt der Laie vor allem die Mög-
lichkeiten des Ausdruckes kennen,
die Grenzen lernt er kennen, die dem Maler
und Bildhauer gesetzt sind, die Ziele, nach
denen zu streben erlaubt und geboten ist,
die Wege, die zu diesem Ziele führen. Er
bekommt ganz allgemein einen Überblick über
das, was man machen kann, und gewinnt
somit schon einen Standpunkt für die For-
derungen, mit denen er an neue Erschein-
ungen herantritt. Zugleich wird er aber in
den Stand gesetzt, diejenigen Leistungen zu
würdigen, die über das Maß des Gewöhn-
lichen hinausgehen, kurz, er hat für das
Maximum und das Minimum einen Maßstab
gewonnen, wenn er einen Begriff vom Durch-
schnitt, wie ihn eben das Viele liefert, ge-
wonnen hat.

Man sollte von der Erkenntnis, daß nur
das Viel-Sehen den Geschmack schult, syste-
matischeren Gebrauch machen als es gemeinhin
geschieht. Allerorten existieren Bildungsvereine
für Arbeiter, Handwerker, Frauen oder jugend-
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