Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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facsimile
Goldschmied Emil Lettre-Berlin.

der entscheidende Schritt getan.
Bald verstand man unter Schmuck
nichts anderes als ein Orna-
mentchen, in Metall und Stein
gebildet, oder vielmehr nachge-
bildet, mit einer Vorrichtung ver-
sehen zum Anhängen oder An-
stecken. Der Zeichner glaubte
auf einer exakten Wiedergabe
seines „künstlerischen Entwurfes"
bestehen zu müssen. Das war
die einzige ernste Forderung.
Und diese war spielend zu be-
friedigen — durch die Maschine.
Ihr gehörte fortan das Feld.
Millionen von Schmucksachen
haben die Fabriken auf den Markt
geworfen, lauter kleinere oder
größere Ornamentchen, fähig,
barbarische Augen für einen
Moment zu täuschen, in Material
und Aibeit jedoch sehr minder-
wertig. Allein dieser Schmuck ist
nicht zu den Wilden Afrikas ge-
schafft worden; — ob wohl es
an Beleidigung grenzt, einer
Dame ein Ornament anzubieten,
das auf den Geschmack von

GOLDSCHMIED EMIL LETTRE—BERLIN.

Taschen-Uhr

In Gold getrieben, am Anhänger Sardonix-Kugel.

GOLDSCHMIED EMIL LETTRE—BERLIN.

Taschen-Uhr in Gold getrieben.

Köchinnen berechnet,
tausendfach gestanzt und
in einer höchst fragwür-
digen Legierung herge-
stellt ist, die nur euphe-
mistisch noch „Silber"
genannt werden kann:
Tatsächlich war dies
die Verwendung der
Schmuckmassen. Es gibt
Gebiete, die eine In-
dustrialisierung nötig
hatten: In der Gold-
schmiedekunst war sie
ein Fluch. Sie hat alles
natürliche Gefühl für
Qualität selbstmörde-
risch zerstört. — Emil
Lettre ist in diesem
Tohuwabohu wirklicher
Goldschmied geblieben,
obwohl er aus einem
Zentrum der Schmuck-
fabrikation (Hanau)
stammt, und obwohl er
ein Kunstschulstudium
zurückgelegt hat, gleich

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