Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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Gefühl und Verstand.

mit Regeln quält; denn, je weniger man das
Endziel eines Studiums kennt, je weniger man
eine Sache, die man noch lernt, beherrscht, um
so peinlicher muß man sich an die vorgeschrie-
benen Regeln halten, weil man dann ja noch
nicht die Tragweite, den Wert der einzelnen
Regeln kennt, und gewärtig sein muß, durch
Außerachtlassung einer wichtigen Regel die ganze
Sache zu verderben. Am besten erkennt man
dieses Sichanklammern an Regeln beim Erlernen
eines neuen Spieles oder Sportes. Mit der
Sicherheit und Leichtigkeit in der Handhabung
der Regeln wächst die Meisterschaft des Künstlers.
Für jeden Künstler, und sei er noch so groß,
treten immer neue Schwierigkeiten auf, er ist
genötigt, immer aufs neue nach Regeln und Ge-

sehen zu suchen und sie sich Untertan zu machen.
Das trefflichste Beispiel eines großen Künstlers,
der unermüdlich nach Gesehen des Kunst-
schaffens Ausschau hielt, ist Lionardo. Hätte
Ruskin in vollem Umfange recht, so müßte
man ihn selbst, der sich doch viel auf seine
künstlerischen Fähigkeiten einbildete, als einen
Künstler niedrigster Sorte ansprechen; denn
keiner hat wohl je so viel Worte über Kunst
gemacht, so viel von Kunstregeln gesprochen,
wie gerade er.

Gewiß, es läßt sich ein Kunstwerk höherer
Art durch Verstandesschlüsse allein nicht schaffen,
aber ebensowenig nur durch Gefühlsschwärmerei.
Auch auf den bildenden Künstler wird man
Goethes Worte beziehen dürfen:

»Empfange hier, was ich dir lang; bestimmt!

Aua Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit,
Der Dichtung- Schleier aus der Hand der Wahrheit.«

OTTO SCHEFFERS—DESSAU.

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