Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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Willy Pastor—Berlin :

heute leben, nannten wir Oskar
Zwintscher. Das Wort vom
Deutschtum in der Kunst wird
heute so vielfach mißbraucht,
daß wir hier ausführlicher wer-
den müssen.*) — Sehen wir uns
in einem Kunstgewerbe-Museum
um, wie die Künstler der deut-
schen Renaissance, deren aus-
geprägt deutsche Art wohl nie-
mand bestreiten wird, sich zu
irgend einem bestimmten Thema,
sagen wir: der Formung der
Trinkgefäße stellten. Der erste
Eindruck verwirrt. Die Künstler
damals waren »voller Gestalt«,
und wie sie ihre figuren-
geschmückten Gefäße bildeten,
das ist so verschiedenartig, so
einzelpersönlich wie jene ganze
bunte Zeit. Und doch fühlen wir
etwas stilistisch Gemeinsames
heraus, das stärker ist als alles
persönliche Beiwerk, weil diese
Grundform nicht der Gedanke
des einzelnen Künstlers, sondern
der des ganzen Volkes ist. Was
es ist? Die Form der Griffe bei
den verschiedensten Trinkgefäßen
vom Humpen bis zur Altarschale
sagt es uns. Mit welchem derben
Zupacken doch alle Künstler rech-
neten! Das mußten handfeste
Leute sein, die so ihr Trinkgefäß
gebildet haben wollten, ein reisiges
Geschlecht von Landsknecht-
gestalten. Mit solchem festen
Griff, wie er in den Henkeln da
sich formte, mag Frundsberg dem
Mönchlein die Bierkanne gereicht
haben zur Stärkung in böser
Stunde. Und das Mönchlein, das
Martin Luther hieß, nahm sie
nicht weniger fest entgegen. —
Lassen wir das Kunstgewerbe-
Museum und suchen in einer
Gemäldegalerie eines der Kabi-
nette auf, die der Malerei der
gleichen Zeit gewidmet sind.
Auch hier verwirrt zunächst der
Reichtum der Gestalten, auch
hier aber fühlen wir etwas Ge-

OSKAR ZWINTSCHER DRESDEN.
BILDNIS MIT WEISSEN ASTERN.

*) Mit den nachstehenden Ausführ-
ungen über den Begriff »Deutsche
Malerei« können wir uns nicht in allen
Punkten indentifizieren. D. R.

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