Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 21.1907

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Die Stickerin F/orence Jessie Hösel.

umschränkter, regiert. Reinheit der Technik,
Reinheit des Stiles, sonst erst nach Kämpfen
durchgesetzt, erwuchs hier unbewußt aus der
übermächtigen Suggestion der Nadel. Frau
Hösel sticht keine Vorzeichnungen aus. Nichts
zeichnet sie vor. Die Gebilde gehen als reine
Stickerei aus der Nadel hervor. Die Nadel
schafft ihre eigenen Bäume und Blumen, ihre
eigene Natur. Es ist eine Neugeburt der
Welt in andere Daseinsformen hinein. Seidige
Wolkenstreifen schweben über hellen Wiesen-
flecken, die mit Heerzügen kleinster Gras-
strichelchen und Blumentüpfchen besetzt sind.
Und das drängt sich und schiebt sich, wendet
sich zu und ab, ist lebendig wie eine Volks-
menge und hat wirklich eine Seele, aber nur
eine seidene Gespinnstseele, und der Einzelne
kann nichts tun als sich ausspannen und ein-
krallen in den Stoff, sich drehen und im
Lichte glänzen. Die schöpferische Nadel
bildet Bäume als ein Gertist langstämmiger
Fadenbündel, die sich verzweigen in eine
sparrige oder im Winde flatternde, mit aller-
lei Zierlichkeiten, Knötchen, Kreuzchen,
Stichpärchen besetzte Fadenkrone. Loser
Tamburstich breitet einen weichen Moos-
teppich unter die Bäume. Aber die Bäume
und Sträucher der Nadel zeichnen oft rätsel-
hafte Gesten gegen den Himmel, gleich
Dämonen, voll Wildheit und Sehnsucht.

Die Nadel, die hier Bilder schafft, er-

scheint strenger, aber nicht ärmer als Pinsel
und Stift, denen die Bildschöpfung sonst vor-
behalten ist. Übrigens ein grundloser Vor-
behalt. Gestickte Bilder haben kein geringeres
Daseinsrecht als die gemalten. Ihnen gehört
sogar die Priorität. Denn die gestickten (und
gewebten) Bildteppiche existierten vor dem
selbständigen Gemälde. Freilich das Aus-
sticken vorgezeichneter Konturen ergibt kein
vollwertiges Kunstwerk. Die Füllstiche sind
und bleiben tot. Aber hier, wo jeder Stich
lebt, wo sich offenbart, mit wieviel Seele der
Faden getränkt werden kann, stehen wir
zweifellos auf der Höhe reinster Kunst.

Die dekorativen Stickereien von
Florence Hösel zeigen schlichte, anspruchslose
Motivchen in kräftig - frischen Farben. Ein
sicherer Farbensinn spricht daraus, der eigene
Wege geht. Auch ihre Möbel sind ganz auf
die farbige Wirkung hin ersonnen. In den
Bildern hält die Farbe der Zeichnung gerade
das Gleichgewicht. Nur hie und da erscheint
das Bild der Farbe wegen gemacht. Immer
aber ist dafür gesorgt, daß die »schöne«
Farbe im Ensemble ihren Reiz nicht einbüßt.
Das Bild ist eine Harmonie aus einzelnen
farbig schönen Partien: Böcklins Prinzip.
Garne und Stoffe färbt sich Frau Hösel
selbst. Die Auswahl im Handel ist leider noch
immer sehr beschränkt und zum großen Teil
von der Kleidermode abhängig. - a. taumann.

Hl

grosser wand-behang von florence jessie hösel berlin.
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