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Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 22.1908

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Vetterlein: Hessische Landes-Ausstellung für freie und angewandte Kunst, Darmstadt 1908
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https://doi.org/10.11588/diglit.7006#0238

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Hessische Land es-Ausstellung Darmstadt igo8.

professor ai.hin muli.er darmstadt.

südlichsten Winkel des weiten Ausstellungs-
terrains, in dem der »Hessische Ernst-
Ludwig-Verein zur Errichtung billiger
Wohnungen« eine köstliche Siedelung als
»Arbeiterdorf« hervorgezaubert hat. Um einem
idyllischen Dorfplatz sind 6 einfache Häuser
herumgelegt, deren Gestaltung den Zauber
der »Volkskunst« erwecken. Ihre Schöpfer
sind die Architekten Olbrich, Walbe, Mahr
und Markwort, Rings, Georg Metzendorf und
Wienkoop. Hier ist der Beweis erbracht,
daß unsre Zeit und unser oft gerühmtes Be-
dürfnis nach »Licht und Luft« nicht not-
wendig zur Zerstörung aller Kulturen führen
muß, daß es lediglich vom Geschick und
der Bhantasie des Künstlers abhängt, Bauten
für unsre Bedürfnisse zu schaffen, die ohne
historischen Formenapparat sich harmonisch
der Umgebung anpassen. Hier sehen wir
die erstrebte Eroberung eines »Grenzgebietes«
der Kunst, und dieser Sieg, so unscheinbar
und selbstverständlich er hier erscheint, läßt
uns die Hoffnung hegen, daß einst auch noch
andere unbeackerte Gebiete erschlossen werden.
Hierhin sollte man alle Leute führen, die
uns in tausenden von Exemplaren mit —
Straßenlaternen und Briefkästen beglücken!
Sollten im Hinblick auf diese »Kulturprobleme«

Portal des Gebäudes für angewandte Kunst.

nicht weitere Eroberungen möglich sein?
— Die beiden aus Privatmitteln errichteten
Häuser Sutter und Wagner-Gewin, gehen in
Gruppierung und Linienführung etwas über
das natürliche Bedürfnis hinaus. Den rechten
Maßstab gibt uns hier wohl Olbrich mit
seinem »Oberhessischen Haus«, welches frei-
lich diesen Namen nur durch die Bauherrn
und das Baumaterial verdient. Der Name
kann irre führen. Eine spezifisch oberhessische
Baukunst gibt es natürlich in unserer Zeit
nicht, und ein in alter oberhessischer Weise
errichteter Bau, etwa mit Schieferwänden,
würde sich auf der Mathildenhöhe »de-
plaziert k, unangebracht ausnehmen. Olbrich
baut daher ein vornehmes Eigenhaus, in feiner
Tönung und Linienführung, und die solide
Ausführung des Äußeren und Inneren mag
von der Geschicklichkeit der oberhessischen
Erbauer ein rühmliches Zeugnis ablegen.

Man muß sich bei Beurteilung der Aus-
stellung immer vergegenwärtigen, daß sie
nicht eine ausschließlich von Künstlern ge-
schaffene »Kunstausstellung« , sondern eben
eine »Landesausstellung« darstellt. Es schadet
ihr nichts, wenn ihr einige »Schönheitsfehler«
anhaften. Soll sie doch zur Erziehung, nicht
nur der Beschauer, sondern auch der Aus-

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