Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 24.1909

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Professor ludwig v. hofmann. »Schwärmende Mänaden

LUDWIG V. HOFMANN-WEIMAR.

Seit hundert Jahren gehen in der deutschen
Malerei zwei Hauptströmungen neben-
einander her: das Streben nach Wahrheit und
die Sehnsucht nach einer fernen Schönheits-
welt. Bis zum Ende des achtzehnten Jahr-
hunderts kennt die deutsche Kunst solche
Scheidungen nicht. Die solide Tradition des
Farbenhandwerks bestimmte damals in gleicher
Weise die Arbeit aller derer, die sich ihm
widmen; Phantasie und Wirklichkeit fließen
in der Zopf- und Rokoko-Epoche ohne feste
Grenzen durcheinander. Aber in dem Augen-
blick, da der Klassizismus auftritt, trennen
sich die Wege. Und während die Einen
ehrlichen Sinnes die Überlieferung fortführen
und auf eine Bereicherung und Verfeinerung
der malerischen Mittel zur Wiedergabe der
Natur hinarbeiten, suchen die Andern auf
direktem Wege in eine Kunstwelt zu gelangen,
die eine unwirkliche, dem Alltag entrückte,
gesteigerte Existenz zum Inhalt hat. Neben-
einander stehen zu Beginn des neunzehnten
Jahrhunderts dort die redlichen Meister in
München, Berlin, Wien, Hamburg, die erst
die Jahrhundert-Ausstellung aus langer Ver-
gessenheit wieder lebendig machte- hier die
Meister des Cartonstils, die, den 'wiederauf-
genommenen oder vermeintlichen Lehren des
Altertums folgend, aus dem Leben der Gegen-

wart und der modernen Umgebung in ein
neues Griechenland oder in verklungene
romantische Epochen flüchteten. Von vorn-
herein drückt sich diese Trennung technisch
genommen darin aus, daß die Realisten ihre
Arbeit mehr der Farbe und dem Studium
des Lichts, die Phantasten mehr der Linie
und dem Studium der Form widmen. Und
geographisch genommen ist der Kontrast
dadurch erkennbar, daß jene im deutschen
Lande bleiben, während die andern ihre wahre
Heimat in der ewigen Stadt Rom erblicken.
Au&h in Rom selbst platzten die Gegensätze
gelegentlich aufeinander, wenn etwa der
Berliner Martin Rohden den Wasserfall von
Tivoli wie ein rechter Vorläufer des modernen
Impressionismus malte, ganz auf Licht und
Luft und Ton und Farbenspiel hin, während
zu gleicher Zeit Joseph Anton Koch Motive
derselben Art zu heroischen Landschaften ver-
arbeitete, die völlig auf Raumwirkung auf-
gebaut waren. In den fünfziger Jahren stehen
in ähnlicher Weise Menzels und Böcklins
Anfänge einander gegenüber. Ums Jahr 1870
sehen wir dort die deutschen Künstler am
Werke, die den Fontainebleauern und Courbet
folgen — Leibis Name ragt hoch aus ihnen
hervor —; hier müht sich Marees zur selben
Zeit um eine ideale Monumentalmalerei, die

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