Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 24.1909

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STIL-BREVIER.

Der Maler strebt nach einer möglichst in-
tensiven Illusionierung des Raumes, der
aber die einzelnen Objekte, hierzu gehört auch
die Luft mit ihren Trübungen, nicht in sich
aufnehmen, sondern sich durch dieselben bilden
und aus den feinsten Reflexeffekten der ein-
zelnen Gegenstände aufeinander organisch ent-
wickeln, aufbauen soll. Im Hirnbild des Malers
ist das Räumliche mit dem Körperlichen durch
das Medium von Luft und Licht völlig ver-
schmolzen, die Fixation auf der Leinwand soll
beim Beschauer zum gleichen Resultat führen.

Es ist stillos, wenn ein Maler den Auf-
gaben aus dem Wege geht, die zu lösen seine
Technik (Öl, Fresko, Gouache, Aquarell,
Pastell) in besond erem Maße berufen ist; es
ist aber nicht weniger stillos, wenn der Zeich-
ner, der nur den spröden Stift oder — um
mit Klinger zu reden — den Griffel handhabt,
Probleme der Malerei zu verwirklichen anstrebt,

es sei denn, er fände einen völlig neuen Weg.
— Die Zeichnung sieht mehr durch die Lupe,
das Gerippe der Dinge erfassend, das Gemälde
sucht den Oberflächenschein, wie ihn das
schweifende Auge empfindet.

Gegenüber der malerischen Synthese von
reflektierten (formvermittelnden) und daher-
flutenden (einenden) Lichtwellen ist die Zeich-
nung eine mehr den peripheren Umriß und
den inneren konstruktiven Zusammenhang
suchende Analyse. In diesem Sinne, weil sie
mehr die Dinge selbst, als deren Schein er-
greift, eignet sich die Zeichnung, die Griffel-
kunst, besser als die Malerei zur Festhaltung
von Vorgängen, zur Illustration. Dem Maler
kann es ziemlich gleichgültig sein, ob er einen
Helm oder einen Blechtopf malt, eine Madonna
oder eine Cocotte, er sucht Lichteffekte; den
Zeichner darf in erheblichem Maße der In-
halt interessieren, er darf erzählen, ernst und

JANSEN & MEEUSSEN BREMEN.

Kaminplatz im Salon des Hauses Suhren.

190». VII. 6

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