Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 24.1909

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FARBEN-WIRKUNGEN.

VON DR- EMIL UTITZ—PRAG.

Jede Kunst stellt etwas dar, drückt etwas aus;
sie tut dies mit den ihr eigentümlichen
Mitteln. Und ein solches Kunstmittel sind
die Farben. Wir wollen uns nun die Frage
vorlegen: welche Wirkungsmöglichkeiten liegen
in den Farben? welche Zwecke können sie
erreichen? welche verschiedene Anwendungs-
weisen zeigen sich als möglich?

In neuerer Zeit wurde immer häufiger und
immer nachdrücklicher die Abhängigkeit der
Kunst von ihrem Material betont, das nicht
bloß die Erscheinungsform bestimmt, sondern
auch auf die Wahl des darzustellenden Ge-
haltes von hohem, oft geradezu von ent-
scheidendem Einfluß ist. Der Künstler muß
sich darüber klar sein, welche Möglichkeiten
in seinem Material schlummern, welche Wir-
kungen es zu zeitigen vermag, welche Zwecke
es leisten kann usw. Durch die Kenntnis
dieses Sachverhaltes wird der ästhetische Ge-
nießer Einblick gewinnen in die künstlerische

Technik und das eigentümliche Wesen einer
Kunst. So wird er in den Stand gesetzt,
manches zu bemerken und zu genießen, das
sonst unbeachtet und ungenossen bliebe, und
wird keine Anforderungen an ein Kunstwerk
stellen, denen dieses vermöge seiner spezifi-
schen Art schlechterdings nicht genügen kann.

Wenn wir uns nun den Farben zuwenden,
wollen wir vorerst den relativ einfachsten Fall
betrachten: er ist dann gegeben, wenn Farben
nebeneinandergesetzt erscheinen ohne jede
Rücksicht auf Gegenständlichkeit (Naturnach-
ahmung) und Harmonie. Wir können dabei
etwa an ein Ornament denken, das rein geo-
metrische Formen zeigt. Wie wirken dann die
Farben? Sie trennen und verbinden, ordnen
und gliedern, teilen und fassen zusammen usw.
Hier liegt also eine eigentümliche Art der
Farbengebung vor, und wir wollen sie die
polychrome nennen. Die Farben treten da
nicht auf um ihrer spezifischen Wirkung willen,

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