Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 24.1909

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Georg k. rohde -Bremen. Glas-Gemälde im Treppenhaus des Hauses Suhren.

DIE GLASMALEREI ALS ARCHITEKTUR-GLIED.

Die Glasmalerei, die sich in den Reißbrett-
mustern einer falsch verstandenen Renais-
sanceornamentik zu erschöpfen drohte, hat in
den letzten Jahren eine erfrischende Belebung
erfahren. Vom Publikum begehrt, vom Archi-
tekten begünstigt, konnten zahlreiche Glas-
malereien entstehen, gegen die nur der Ein-
wand zu erheben wäre, daß sie sich der Archi-
tektur in den meisten Fällen nicht oder kaum
einordnen. Sie bleiben Fremdkörper, fallen
aufdringlich aus der Fassade heraus, zerstören
die tektonische Geschlossenheit des Innenraums,
bleiben mit einem Wort Fremdkörper, wo sie
mit dem Gesamtorganismus zu einer Einheit
verwachsen sollten.

An sich betrachtet, sind sie oft nicht
schlecht. Bewährte Künstler haben Entwürfe
gefertigt, bedeutende und erfahrene Anstalten
bürgen für die vorzügliche Ausführung. Aller-
dings wird nicht bedacht, daß ein Glasbild an
sich gar nichts bedeutet. Es erhält erst Wert
und Leben durch die Eingliederung in das Bau-

werk. Vorher fristet es ein platonisches Dasein.
Ein Entwurf mag noch so wertvoll sein — an
der unrechten Stelle unpassend verwendet, muß
er als Barbarei wirken. Der so oft ausgesprochene
Gedanke, das Glasfenster sei eine Flächendeko-
ration, ist falsch, zum mindesten banal. Das
Glasfenster ist Architekturglied, seine Flächen-
gestaltung unterliegt somit einer inneren Not-
wendigkeit, die in der formalen Logik des Bau-
werkes wurzelt. Die gotischen Glasmalereien,
die vor allem als unbedingt vorbildlich gelten
können, sind in ihrer formalen Durchbildung
unverkennbar aus der Architektur heraus ent-
standen. In der Einordnung und Stilisierung
der dargestellten Figuren, in dem ornamentalen
Zweck des Zierwerks scheinen licht und lebens-
satt die Gestaltungsenergien der steinernen
Umrahmung weiterzufiuten. Der Dom zu Augs-
burg, St. Kunibert in Köln bieten solche Er-
kenntnis. Nicht die Verwendung der mensch-
lichen Figur, ihre monumentale Einfügung in
die gegebenen Raumverhältnisse, ist ausschlag-

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