Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 24.1909

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VON DER FREUDE UND VOM MATERIAL.

Glück ist etwas Persönliches, eine Abson-
derung von der Außenwelt. Glück ist
Besitz und das Bewußtsein dieses Besitzes, das
von dem übermächtigen Lustgefühl zur groß-
mütigen Abgabe der überschüssigen Energie,
zur Mitteilung an andere gedrängt wird. Freude
dagegen ist von vornherein gemeinsam, all-
umfassend, die Freude des einen ist auch die
Freude des Kosmos, der Millionen. Glück
empfindet, wer im sicheren Besitz einer wesen-
verwandten Seele ein reiches Rückstrahlen
seines eigenen Lebens erlebt oder dessen
Steigerung in seliger Zwiesprache mit einem
Kunstwerk so intensiv genießt, daß Zeit und
Raum ihm wesenlos erscheinen. Glück gab
und gibt es zu allen Zeiten. Aber die Freude?
Wie wenig Freude haben wir doch heute 1

Wir leben in einer Periode des Egoismus, —
des sich immer mehr konzentrierenden Indivi-
dualismus. Die Schillersche Freude von Mensch
zu Mensch ist uns heute nur eine Phrase, möglich
ist sie nur in Höhepunkten der Entwicklung, zur
Zeit des Griechentums kannte man sie, vielleicht
auch in der Blüte der Renaissance. Sie ist uns
heute nicht zugängig, und dennoch bewegen
wir uns ihr entgegen in langsam aufsteigender
Linie. Nur müssen wir ganz von vorne anfangen,
bei dem untersten Reich des »Anorganischen«
(wie unglücklich war doch diese Benennung).
Schon ahnen wir eine neue Zeit, die uns die
Freude an der scheinbar leblosen Materie,
die Freude am Material bringen wird.

Die Freude am Material! Der Künstler
hatte sie von jeher. Freude und gebende
Liebe sind das wundersame Vorrecht und

das schöpferische Prinzip der großen Künstler.
Nicht diese unbewußte Freude wird Allgemein-
gut werden, aber eine bewußte Freude am
Material ist in unserer Zeit des Intellektualismus
eine Möglichkeit und ein werdendes Erlebnis.

Noch ist freilich davon nicht allzuviel
zu verspüren. Zu eifrig wird an den Grund-
rissen und Grundmauern gearbeitet. Auch das
puritanische Münchner Programm war gewisser-
maßen immer noch das A B G : Fort mit aller
Zutat, die wir nicht ehrlich neu schaffen können.
Aber schon längst hatten die Wiener, diese
ganz Unbesorgten und Fröhlichen, jenes erste
Pensum hinter sich. Doch unduldsam eiferte
man damals gegen sie, denen es allzu leicht
wurde, während man selbst nur die latente
und grimmige Kraft spürte: Wir werden es
einmal noch viel besser machen!

Unsere Starken und Großen, vor allem
Bruno Paul, sind gewißlich dazu berufen
und auserwählt, unsere eigene Kraft uns
selbst und dem Ausland zu dokumentieren.
Auf ihre Verdienste soll hier nicht näher
eingegangen werden. In Josef Hoffmann,
Kolo Moser und Czeschka aber haben wir
mit vollen Händen und fröhlich gebende Apostel
jener Freude am Material. Während wir mutig
gegen die übermächtige Maschine ankämpfen,
um ihr neue Werte abzutrotzen, während einige
sich mit Konstruktionen plagen und in sicht-
baren Schrauben und hervorstehenden Zargen
das mühevolle Knochengerüst zeigen, ist
hier unbekümmert blühendes Fleisch. Hier ist
der Verklärungsprozeß des Materials in vollem
Gange, in diesen ganz nackten Metallen und

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1909. X. 3.

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