Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 24.1909

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Bremen war einmal eine Kunststadt, zwar nicht von
weithinwirkendem Einfluß, nicht das Herz eines
ausgedehnten Kulturgebiets, sondern ganz für sich, eng
umgrenzt und nur seinen eigenen Aufgaben zugewandt.
Das ist lange her. Es war um das Jahr 1600 als unter
den zahlreichen Bildschnitzern das Mobiliar des Bürger-
hauses und die Ausstattung von Rathaus und Kirchen
jenen phantasievoll üppigen Schnörkelstil entfaltete, in
dem Ornament, Figuren, Säulen und Gesimse zu einer
fast sinnverwirrend reichen Pracht vereinigt den Aus-
druck stärkster Lebensfreude als die künstlerische Ge-
sinnung der damaligen reichen und wohllebigen Hansa-
stadt ausmachten. Den Schnitzern folgten die Stein-
metze. An den Ausluchten und Giebeln der Bürgerhäuser
und am prächtigsten dann bei Lüder von Bentheims
Rathaus haben sie in gehäufter Fröhlichkeit ein aus-
gelassenes plastisches Leben entfaltet, das gar nicht
stimmen will zu der »Steifheit«, die dem Bremer des
19. Jahrhunderts tatsächlich eine Zeitlang zur Natur
geworden ist. — Von diesem alten Bremer Geist war
nichts mehr übrig geblieben als die fremdartig in der
puritanisch strengen Ordnung, der sauberen Nüchtern-
heit der Straßen und Häuser stehenden paar Bauwerke
der Renaissance. In einem ungestörten Dornröschen-
schlaf ging die Stadt an der äußersten Peripherie des
Reiches abgeschieden und auf sich angewiesen in die
Neuzeit hinüber. Kunst war ihr keine Lebensnotwen-
digkeit mehr. Nur daß der starke englische Einfluß
vor einem Jahrhundert einen Zug zu Gediegenheit,
anspruchsloser Solidität, gutem Material und sauberer

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CARL WEIDEMEYER. TITEL-UMRAHMUNG DES JAHRBUCHS DER BREMISCHEN SAMMLUNGEN. VERLAG: FRANZ LEUWER.
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