Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 24.1909

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AUFSTELLUNG VON MONUMENTAL-PLASTIK.

EIN KAPITEL ZUM KÜNSTLERISCHEN STÄDTEBAU.

Bemüht man sich bei der Untersuchung
der historischen Architektur ernstlich um
die Erkenntnis der Grundprinzipien des archi-
tektonischen Denkens, so kann man sich der
Einsicht nicht verschließen, daß alles Form-
detail und dessen Entwicklung, auf die der
Hauptakzent gelegt zu werden pflegt, nur
sichtbare Äußerungen eines tiefer liegenden
Gesamtempfindens sein müssen, aus dem sie
stileinheitlich entstehen. Diese allgemeine
Form der architektonischen Sinnenobjekte ist
der Raum. Alle ar-
chitektonischen Ein-
zelformen sind sekun-
där, das heißt Ge-
stalten des primären
Raumempfindens. Das
Bestreben der Archi-
tektur also ist, die-
ses Raumempfinden
sichtbar zu machen,
aus den unendlichen
Reihen des Raumes
begrenzte, beharrende
Raumgebilde zu ge-
stalten, ihre Aufgabe
nutzbare, ihre Sehn-
sucht schöne Räume
zu schaffen, in denen

es den Menschen wohl ums Herz wird. Die-
ser Wille zum Raum ist Inhalt des architekto-
nischen Gestaltens, seine Form die Materie,
die diesem Willen dienend mit ihm zur Ein-
heit , zur architektonischen Schöpfung wird.

Mit der wechselnden Disposition der
menschlichen Seele wechselt auch ihr Raum-
empfinden , wandelt sich ihre Vorliebe für
bestimmte Raumproportionen. Dies bedarf
keiner näheren Erörterung. Man vergleiche
nur den Innenraum einer gotischen Kathe-
drale , einer Renais-
sance- und einer Ba-
rockkirche. Im 19.
Jahrhundert wird das
Leben des Raumes
kalt, stirbt ab. Der
Niedergang der mo-
dernen Architektur
rührt daher, daß die
meisten unserer Ar-
chitekten kein Raum-
gefühl mehr besitzen,
nur überlieferte Form-
details zusammenstel-
len. — Wie nun das
Leben und die Ent-
wicklung des Raumes
in den einzelnen archi-

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