Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 24.1909

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DIE KLEINEN MITLÄUFER.

Eine Armee, die nur aus Führern bestände,
ist ein Unding. Sie brauchen eine Ge-
folgschaft, brauchen Gemeine und Massen.
Disziplin ist unerläßlich. Gefährlich und schäd-
lich ist der Troß, der hinter der Front mit-
zulaufen pflegt.

Eine Stilbewegung, wie sie sich in dem
modernen Kunstgewerbe herauskristallisiert hat,
beruht nicht allein auf den führenden Persön-
lichkeiten. Ein van de Velde, Berlage, Pankok,
Moser oder Hoffmann u. a. sind einzelne,
sind Richtunggeber. Hunderten und Tausen-
den haben sie den Weg zu weisen. Die
Geschicklichkeit und Fertigkeit muß mitgehen.
Nicht jedes Talent kann als Persönlichkeit
agieren. Wenn die Könner original sein
wollen, pflegen sie originell zu werden. Sie
sind wertvoll als treue, zielbewußte Gefolg-
schaft, als Zwischenglieder und Anbahner
einer neuen Tradition.

Auf ihre Qualität, nicht ihre Zahl kommt
es an, denn es gibt für eine Stilbewegung
nichts schlimmeres als der Troß der kleinen
Mitläufer, die eine neue Mode, eine frische
Absatzmöglichkeit wittern. Ihre Überzeugung
ist dünn wie eine Seifenblase. Sie sind
Taktiker des Erfolges, fallen stets auf die
Butterseite. Ihr Schaffen ist Spekulation. Sie
wollen nicht für eine Idee kämpfen, sondern
von einer Bewegung getragen werden. Sie
fördern nichts, diskreditieren dagegen nur zu

leicht das Ganze. Sie sind die eigentlichen
Macher eines »Jugend-« oder »Sezessions-
stiles«. Sie haben mit naturalistischen Motiven,
dann mit geschwungenen Linien gearbeitet.
Heute sind die geometrischen Formen, die
wir an den Wienern oder Behrens zu schätzen
verstehen, an der Reihe. Die kleinen Mit-
läufer haben keinen Sinn für die zwingende
Logik jener Originalwerte; sie sehen nur die
Äußerlichkeit, nur die Quadratchen, Dreiecke
und Punkte. Solche Saftlosigkeit trübt den
Blick des Publikums, zwingt die Selbstschöpfe-
rischen zu einem rastlosen, unruhigen, über-
stürzten Weiterbilden. Diese Leutchen rauben
den Führern den Atem und bieten den Gegnern
einer Bewegung Angriffsflächen.

Es hat keinen Sinn, sie freundlich zu
dulden, sie halb und halb in Schutz zu nehmen.
Unfertige Leistungen lassen sich doch schließ-
lich weder verteidigen noch entschuldigen.
Und wozu der Mißgunst und dem Haß selbst
die Waffen liefern?

Unerbittliche Kritik mag sie abstoßen.
Vielleicht macht sie sie auch bescheiden, lehrt
sie ihre kleine Kraft richtig nutzen und ver-
anlaßt sie schlichte, anständige Handwerks-
arbeit zu leisten. Dann sind sie Gewinn.

Im anderen Falle aber müssen solche
Kleingeister energisch abgeschüttelt werden.
Schmarotzerische Schlingpflanzen rauben immer
Mark und Bewegungsfreiheit. — paul westheim.

professor~ludwig v. hofmann weimar. Friese für einen Musik-Saal.

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