Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 24.1909

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Tote und lebende Schönheit.

aber es löst uns los von unserem Leben. Dessen
können einige Altertumsforscher entraten,
nicht aber ein Volk und seine Künstler. Sie
trinken von den Quellen ihrer Zeit, und be-
rauschen sich an diesem Trank. Aus diesem
Rausche müssen sie schaffen, in ihm genießen,
durch ihn emporwachsen in künftige Zeiten.
Wegweiser in die Zukunft wollen wir; der
Führer in die Vergangenheit haben wir genug.
Und auch vergangenes starkes Leben und
seinen künstlerischen Ausdruck kann nur der
in Gänze fühlend und erschauernd erfassen,
der selbst ein starkes, eigenes Leben lebt.

In kleinen Alpendörfern hatte ich noch
bisweilen Gelegenheit Ausfahrt und Einfahrt
alter, wackliger Postkutschen anzusehen. Ein
malerischer Anblick! Aber wehe dem, der
zu so einer mehrstündigen Fahrt verurteilt ist!
Und das Liedlein, das der Postillon bläst,
klingt ganz wundersam, schöner sicher als das
Tuten der Automobile. Wird aber jemand
deswegen verlangen, die Chauffeure sollten
rührende oder fröhliche Lieder zum Besten
geben? Das wäre wohl allzu grotesk.

Alte, winklige Straßen mit ganz hohen
Häusern, verschmutzt und verstaubt, können
entzückend wirken. Man kann stundenlang
in ihnen umherirren, immer wieder neue
malerische Schönheiten entdecken. Wird man
aber da wohnen wollen ? Wird man nicht
vielmehr im Namen einer hygienischen Zeit
nach energischer Abhilfe heischen?

Wer heute neue Arbeiterdörfer sieht, die
freundlichen Gartenstädten gleichen, die ein
Sonnenstrahl gesunder Schönheit umglänzt,
wer große Warenhäuser — etwa Wertheim in.
Berlin — durchwandert oder des abends über

eine belebte Großstadtstraße geht, wenn
das tausendfältige Licht unzähliger Lampen
schimmert und leuchtet, wer den weiten Atem
geräumiger Bahnhofshallen auf sich wirken
läßt, wer den kühnen Schwung elegant sich
spannender Brücken verfolgt, wer auf den
ganzen Komfort unseres Lebens achtet, der
wird da ästhetische Werte finden, die neu
sind, Eigentum unserer Zeit; frisch auflebende
Schönheit, die uns manche tote ersetzt. Man
kann nicht alles vereinen: wem der heiße
Atem unserer Tage nicht paßt, der fliehe
ihn und suche die einsame Stille, aber er hat
nicht das Recht, uns durch Klagen und
Jammern die Freude an der Art unseres Lebens
vergällen zu wollen.

Einen Einwand kann man mir leicht
machen: ist es gerechtfertigt von toter Schön-
heit zu sprechen, da wir doch alle alte
Schönheit zu genießen vermögen ? Ich habe
selbst in diesem Essay des öfteren darauf
hingewiesen. Doch einiges gilt es da zu be-
denken: wir genießen nicht alle alte Schön-
heit, sondern nur das Beste von ihr. Vieles,
das früher erfreute, langweilt uns heute. Nur
soweit allgemein Menschliches im Alten weht,
spricht es zu uns unmittelbar ergreifend. Zu
dem anderen müssen wir uns durch historische
Schulung durchringen.

Und etwas ganz anderes ist es: alte Kunst
genießen und ihre Nachahmung anzuempfehlen.
Die Nachahmungen führen uns nicht weiter
und geben nur immer wieder Bruchteile dessen,
was wir schon besitzen. Mögen wir also das
Alte noch so lieben, noch so verehren, unsere
Zeit müssen wir offen halten der Kunst, die
ihr allein entspricht. —

richard kuöhl —eerlin. Oster-Spielsachen in Holz.

Ausführung: Deutsche Werkstätten für Handwerkskunst—Dresden.

iBsai

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