Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 24.1909

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Alfred Messel f.

brieft gewesen wäre, der sich mit gutem
Talent geschickt unter andern zu bewegen
weiß. Das Berlin der siebziger Jahre hat
mehr als einen der zahllosen Zuwandernden
sein Bestes gekostet, nicht wenige auch unter
den Baumeistern, die von überall her herbei-
eilten, als die ehemalige Kleinstadt begann
nach allen Seiten zu wachsen, ihren Umfang
zu verdoppeln, zu vervierfachen, allenthalben
das Alte durch Neues zu ersetzen. Viele, die
in diesen Strudel gerieten, sind darin unter-
gegangen, als die Schwächeren gegenüber den
verwirrenden, ungezügelten Verhältnissen. Ihm
wurden diese zum Element. Nicht mit einem
Schlage. Aber die Jahre hindurch hat er in
immer steigendem Maße gezeigt, daß er das
Zeug besaß, ihr Meister zu sein, als Künstler
sie zu beherrschen. Sein Wesen brachte ihn
nicht in Konflikt mit diesen chaotischen Zu-
ständen, wie einer hätte fürchten mögen, der ihn
den Weg nach Berlin nehmen sah. Ihm war es
gegeben, in ihnen zu finden, was für ihn taugte,
die Stelle, wo sie anzupacken waren. Ihm ist
es geglückt, in seiner an Ausdruck reichen
Architektur-Sprache das werdende Berlin der
letzten drei Jahrzehnte in Form zu fassen.
Und das ohne öffentliches Amt, ohne die
Möglichkeit, die Mittel des Staates oder der
Stadt für sich nutzbar zu machen. Einfach
durch die Gelassenheit, mit der er all den
einen Berliner Baumeister umdrängenden Wirr-
warr von sich abhielt, durch die ruhige Ziel-
bewußtheit, mit der er an die ganze Vielfältig-
keit der Aufgaben und gerade an die traditions-
losesten herantrat. Nicht mit niederstürmender
Originalität, aber im immer gefestigter werden-
den Besitz eines ausgeglichenen Kunstgefühls,
dessen Vorbedingungen er aus der solchen
Anlagen günstigeren Heimat mitgebracht hatte.
Vom eigentlich Modernen hielt er sich ab-
seits, ohne darum zum bloß philologischen

Beherrscher der alten Stile zu werden. Und
doch: war einer moderner als er, in der An-
passung des Grundrisses an den gegebenen
Zweck, wußte einer, bei aller Fähigkeit aus
der Vergangenheit zu schöpfen, von der Ab-
hängigkeit vom bloß Antiquarischen so frei
zu bleiben wie er? Er hat zwischen der
Tradition und den lebendigen Forderungen
eine Linie gefunden, in deren Verfolgung er
nicht zum Eklektiker zu werden brauchte.
Die Formen der historischen Stile schienen
in seiner Hand zu neuer Beweglichkeit und
Anpassungsfähigkeit zu erwachen, gerade im
Konstruktiven begab er sich nicht seiner
Freiheit, dafür zog er in der dekorativen
Durchbildung des Gerüstes Nutzen aus einer
seltenen Fähigkeit, sich in den Geschmack und
die verfeinerten Techniken der Vergangenheit
einzuleben.

So ist sein Wesen nicht mit wenigen
Worten zu umfassen. Er war nicht, wie man
ihn nennen wollte, lediglich der Realist unter
den Baumeistern, sondern vor allem auch ein
Mensch von Phantasie, der die notwendige
Sinnlichkeit des künstlerischen Eindrucks auch
in der Konstruktion nicht vergaß. Er hat
sich andererseits niemals an unklare Wirkungen
und Geschmacksfinessen verloren; davor be-
hütete ihn sein stark entwickelter Sinn für
die Realität, die aus Steinen und Eisen spricht.

Sein verlassener Platz bleibt leer. Kaum
jemand verkörpert in sich gerade die glückliche
Mischung von Anlagen, die er besaß. Dieses
Gefühl bei den Mitlebenden zu hinterlassen, ist
viel in einer Zeit, die Qualitäten so wenig fein
unterscheidet wie die unserige. Es wird nicht
vielen zuteil, daß sie das Urteil über sich der
Nachwelt so ruhig überlassen können, die von
den persönlichen Gehässigkeiten wie vom
Überschwang ohne Maßstab gleich weit ent-
fernt sein wird. d«. fritz woi.ff.

Die bedeutendsten Schöpfungen des entschlafenen Meisters sind in der »Deutschen Kunst und Deko-
ration« veröffentlicht worden. So erschienen: im Maiheft 1898 das Warenhaus Wertheim in Berlin,
mit 30 Illustrat. und Text von Fritz Stahl—Berlin, im Februarheft 1905 der Neubau des Warenhauses
Wertheim in Berlin, mit 36 Illustrat. und Text von Dr. Fritz Wolff—Berlin, im Dezemberheft 1906
das Landesinuseum in Darmstadt, mit 30 Illustrationen und Text von Victor Zobel—Darmstadt.

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