Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 32.1913

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FRITZ AUG. liREUHAUS-DÜSSELDORF.

HAUS ERLENHOF. GARTENSEITE.

GESCHMACK, ERZIEHUNG UND CHARAKTER.

Es soll nicht die Rede sein von jenen mo-
dern-pädagogischen Experimenten, den
jungen Schüler an der Hand von allerlei aus-
gewähltem kunsthistorischen Material zu einer
gewissen Urteilsfähigkeit in ästhetischen Dingen
heranzuziehen; denn das ist Sache der Fach-
gelehrten. Ich kann hier lediglich einige Erfah-
rungen zum besten geben, die ich an meinen
Kindern gemacht habe, und ich hoffe, daß die
allgemeinere Bedeutung, die ich ihnen ent-
nehme, auch von andern anerkannt wird.

Daß die eingangs angedeuteten Bestrebungen
allgemein den Erfolg gehabt hätten, den man
ursprünglich erwartete, ist mir nicht bekannt
geworden; ja es dürfte auch wohl schwer ein-
wandfrei festzustellen sein, ob die allmähliche
Hebung des Geschmacks, die wir in den letzten
Jahrenverzeichnen, auchsolchenpädagogischen
Bestrebungen zuzuschreiben ist oder nicht aus-
schließlich anderen Einflüssen. Das eine abet
scheint mir ohne Zweifel zu sein, daß das Saat-
korn der Schule erst dann merklich wird keimen

und Wurzel fassen können, wenn das Eltern-
haus ihm den Boden bereitet hat. Dies gilt im
großen und ganzen für jedes Gebiet mensch-
licher Kultur, es gilt ganz besonders in Fragen
der Geschmacksbildung.

Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, wie sich
ein gesunder, eigenartiger Geschmack trotz aller
falschen Beeinflussung durch Elternhaus und
Schule schließlich seine eigene Bahn bricht, und
ich sehe es täglich, daß gegen angeborene Ab-
geschmacktheit die durchdachteste Erziehung
nichts hilft. Ich glaube weder an die Allmacht,
noch an die Wertlosigkeit der Erziehung ; doch
bin ich überzeugt, daß in jedem normalen Men-
schenkindlein Kräfte schlummern, die nur richtig
geweckt und ernährt werden wollen, um recht
erfreuliche Blüten zu treiben, — oder wären
es auch nur einige grüne Blättlein.

Ich habe vor allem unsere kleinen Töchter
im Auge, für die eine rechte Geschmacksbildung
viel mehr bedeutet als für die Buben. Ein an-
erzogener verkehrter Geschmack ist dem





1913. VIII.2.

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