Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 32.1913

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Kleine Ktinst-Nachrichten.

KLEINE KUNST-NACHRICHTEN.

AUGUST 1913.

DEUTSCHLAND AUF DER QENTER WELT-
AUSSTELLUNG 1913. Nach dem bedeut-
samen Erfolg, den Deutschland auf der „Brüsseler
Weltausstellung" im Jahre 1910 errang, war es
eigentlich selbstverständlich, dag das einmal er-
oberte belgische Terrain unter allen Umständen
festgehalten und entgültig gesichert wurde. Wir
wollen hier nicht davon reden, dag Deutschland
ein außerordentliches Interesse daran haben muß,
bestimmte Maschinen und eine große Zahl von Haib-
und Fertigfabrikaten nach Belgien zu exportieren;
wir wollen nicht (womit nur ein Spezialfall von
vielen genannt wäre) daran erinnern, daß alle
Vorbedingungen gegeben sind, auf belgischem
Boden einen Entscheidungskampf zwischen den
deutschen und den englischen Spinnereimaschinen
herbeizuführen. Wir wollen nur eines in den
Vordergrund unserer Betrachtungen rücken, aller-
dings eines, wovon das Ansehen Deutschlands
auf dem Weltmarkt nicht wenig abhängt: den
deutschen Stil. Dawar es die Brüsseler Aus-
stellung, die mit dem Haus von Seidl und mit der
umfangreichen, gepflegten Vorführung unserer besten
Möbel und unseres trefflichsten Kleingerätes, vor
allem aber durch den architektonischen Geist unserer
neuen Ausstellungsmethode den Völkern die über-
raschende Kunde von der Neugeburt des
deutschen Geschmacks und von dessen An-
spruch, ein Maßstab der internationalen

Kultur zu werden, brachte. Die Welt, namentlich
die romanische, v/ar erstaunt. Nie hätten die
stolzen Erben der Ludwige es für möglich geachtet,
daß das Land der Militärbarbaren eine neue Kultur
der Lebensführung, einen neuen architektonischen
Stil und einen neuen guten Geschmack aus sich
heraus mit schöpferischem Pathos und nicht ohne
Grazie würde gestalten können. Nun aber war
es geschehen; diese deutschen Raumbildungen, die
Mannigfaltigkeit dieser deutschen Möbel, Porzellane
und Gewebe, dieses ganze Milieu einer originalen
Schönheit: dadurch war Deutschland ein beachtens-
werter Konkurrent, ja ein gefährlicher Gegner, ein
Bedroher der französischen und englischen Hege-
monie und ein lichtumstrahlter Pionier des unauf-
haltsam kommenden Neuen geworden. Gewiß, die
Franzosen, die damals die Arbeiten der deutschen
Tischlerei, auch unsere Keramiken und Metallwaren
abtasteten, fanden noch mancherlei technische Mängel;
sie wurden noch nicht bis in die Fingerspirjen hinein
sinnlich befriedigt. Aber dem einen vermochten sie
sich nicht zu entziehen: dies Deutschland ist
derTräger einer neuen Bewegung, einer
Revolution, der auch alle übrige Welt irgendwie
wird opfern müssen. Die Gefahr des deutschen
Stils zwang die Pariser, ihre Rokokoerbsdiaft zu
revidieren, sie zwang sie sogar zu Experimenten,
die man nicht anders als ein Nachahmen der deutschen
Form nennen kann. Das waren die Ergebnisse

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