Hannig, Henner [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 13,1): Landkreis Hannover — Braunschweig, 1988

Page: 15
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dtbrd_nds_bd13_1/0017
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Geschichtliche Zusammenhänge

Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet, daß im ersten Jahrhundert nach
Christus die flußreiche Tiefebene Niederdeutschlands von den Cheruskern besiedelt war.
Im 5. und 6. Jh. drangen Stämme der Sachsen in die damals unzugänglichen feuchten
Niederungen des norddeutschen Raumes. Das heutige Kreisgebiet, bestimmt von dem
rauhen Klima, lag, von nur unbedeutenden Verkehrsverbindungen durchzogen, weit ab von
dem damaligen Weltgeschehen.
Die Sachsen suchten sich für ihre Wohnplätze Geestinseln, natürliche Flußübergänge oder
leichte Hanglagen an den Ausläufern des Mittelgebirges aus. Die Ortschaften waren in eine
Waldlandschaft eingebettet. Sie bestanden aus drei bis sieben Höfen, die in Form eines
lockeren Haufendorfes angelegt waren. Die bewaldeten, feuchten Niederungen wurden auf
der Jagd gelegentlich durchzogen oder dienten in der Nähe der Siedlungen als Hudeflä-
che. Es bildeten sich Markgenossenschaften, die die Waldgebiete der Gemeinschaft für
die unterschiedlichsten Zwecke nutzbar machten. Ein Beispiel hierfür ist die Siedlung der
Waldschmieden in der Branderiede des Ortsteiles Isernhagen HB.
Das damalige Sachsengebiet war in 60 bis 80 Gaue unterteilt. Sie waren naturräumlich
begrenzte Siedlungseinheiten unterschiedlicher Größe und Geschlossenheit. Flußläufe,
Moore, Höhenzüge oder unwegsame Waldgebiete umschlossen einen Gaubereich, der
zugleich identisch war mit einem Gerichtsbezirk. Im Nordwesten des heutigen Kreisgebie-
tes lagen der Grinder- und der Loingau, im Nordosten der Gau Flutwidde. Den Südwesten
nahm der Marstemgau und den Südosten der Gau Astfala ein. Im Süden des Kreisgebietes
lag der Gudingau.
Das Interesse an dem norddeutschen Raum wuchs im Laufe der Jahrhunderte. Über einen
langen Zeitraum hatten die Franken vergeblich versucht, sich des sächsischen Gebietes
zu bemächtigen, bis sie endlich um 800 unter Karl dem Großen den Widerstand der
Sachsen brechen konnten. Parallel mit der Christianisierung bemühten sich die Franken,
die alten Machtstrukturen der sächsischen Gaue mit der eigenen Grafschaftsordnung zu
überformen, um so den von ihrem Machtzentrum weitab gelegenen Norden regierbar zu
machen. Mehrere Gaue wurden zu etwa gleichgroßen Territorien einer Grafschaft zusam-
mengefaßt.
Die Verwaltung dieser Grafenämter übertrug Karl der Große Mitgliedern des sächsischen
Adels, der hierdurch für die Verfassungsreform gewonnen werden konnte. Mit dem Grafen-
amt waren neben den Privilegien zahlreiche Verpflichtungen gegenüber dem Kaiser ver-
bunden. Der Graf übernahm Aufgaben wie die Rechtsprechung, den Schutz der Wege und
Straßen sowie der Priester und Kirchen. Die gräflichen Amtsbereiche waren häufig von
Besitzungen anderer Grafen oder Bistümer durchsetzt; sicher der Grund für die zahlrei-
chen kriegerischen Auseinandersetzungen der folgenden Zeiten und für die stetigen
Bemühungen, die Besitztümer zu arrondieren. Die Grafen von Wölpe regierten im nord-
westlichen Teil, die Welfen im nordöstlichen, die Grafen von Schaumburg im westlichen
und die Grafen von Hallermund im südlichen Bereich des heutigen Kreisgebietes. Die
Grafen von Roden saßen in dem Bereich des heutigen Wunstorf, Seelze, Hannover und
Lehrte.
Ausgehend von Hameln, seit 803 von Minden und später von Hildesheim wurde unser
Bereich christianisiert. Die Grenzen zwischen den Bistümern Minden und Hildesheim verlie-
fen entlang der natürlichen Grenze des Leine-Wietze-Grabens in nordsüdlicher Richtung.
Unter der Regentschaft Karls des Großen begann eine neue Besiedlungswelle, die Frühko-
lonisation. Das Neuland wurde von den Königs- oder Villikationshöfen ausgehend gerodet
und erschlossen. Burgmannshöfe entstanden wie die Burghöfe in Pattensen und der „alte
Hof“ in der Kircher Bauerschaft in Isernhagen. Diese Gründungen wurden zur Absicherung
der geplanten Siedlungen in die bisher unerforschten Wälder vorgeschoben oder sicherten
strategisch wichtige Verbindungswege. Von hier aus konnten die Äcker und Weiden in die
kaum genutzten Wälder ausgedehnt werden. Zwischen den verstreuten alten Siedlungen
wurde neues Kulturland gewonnen.
Der Adel versuchte durch Gründungen neuer Siedlungen und Verdichtung oder Erweite-
rung schon bestehender Ortschaften, seinen Machtbereich und somit seine Geldquellen zu
vergrößern. Ein regelrechter Siedlungswettlauf setzte auf die unkultivierten und unbesiedel-
ten Waldgebiete ein. Die herrschaftliche Binnenkolonisation des Mittelalters, mit ihren
umwälzenden Veränderungen des Landschaftsbildes und des sozialen Gefüges des Bau-
erntums hatte begonnen. Es war die Zeit, in der der Grundstein vieler unserer Ortschaften
gelegt wurde.
Die Bewohner der neuen Siedlungen mußten sich mit weniger begünstigten Lagen abfin-
den. Sie legten ihre Ortschaften zum Teil an den Hängen des Mittelgebirges oder in die
feuchten Niederungen und am Geestrand an. Schwerpunkte dieser Rodungszeit, die ihren
Höhepunkt vom 1. bis zum 14. Jh. erlebten, waren die Kolonisationstätigkeiten der Grafen
von Schaumburg und der Grafen von Roden, des Bischofs von Hildesheim und der Grafen
von Hallermund, die ihren durch die Welfen eingeengten Machtbereich im inneren aufsie-
delten. Als planmäßig angelegte landesherrliche Gründung entstanden z.B. in der Wietze-
Niederung die vier Bauerschaften Isernhagens und längs des Moores die Siedlung Nienha-
gen, das heutige Langenhagen. In Zusammenhang mit dieser wahrscheinlich ebenfalls von

15
loading ...