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tung unberührt. Er ist durch ein neuzeitli-
ches Hauptgesims abgeschlossen. Auf den
rechteckigen Kranz wurde um 1890 ein
regelmäßiger achteckiger Helm aufgesetzt.
Wegen starker Baufälligkeit gestaltete man
die Kirche in der Zeit von 1801 bis 1806
neu. Sie wurde nach den Plänen des Inge-
nieurkapitäns Lasius zu einer Saalkirche
umgebaut. Dabei wurden die Umfassungs-
mauern in ihrer Höhe reduziert, rechteckige
Fenster mit schrägen Laibungen eingebro-
chen, Gewölbe und Pfeiler herausgerissen
und ein anderes Dach aufgesetzt. Der so
entstandene Saalbau wurde durch ein
Tudorbogendach unter roten Pfannen innen
mit flacher Segmenttonne gedeckt und mit
einer amphitheatral angeordneten Bestuh-
lung versehen.
Der südlich der Dammstraße gelegene
Kirchhof, nach dem ersten Superintenden-
ten Corvinus benannt, wird von Grundstük-
ken der ehemaligen Kirchner begrenzt, de-
ren Bauten mit ihren zur Kirche hin ausge-
richteten Traufen als Gruppe baulicher An-
lagen ausgewiesen sind. Hierzu gehören
die Häuser CORVINUSPLATZ 1 bis 7. Zur
Dammstraße ist das ca. einen Meter höher

gelegene Gelände durch eine Bruchstein-
mauer abgegrenzt. Besonders erwähnens-
wert ist das Pfarrhaus, CORVINUSPLATZ 2,
die frühere Superintendentur. Das zweige-
schossige Fachwerkhaus unter Halbwalm-
dach stammt aus dem Jahre 1735. Die
großflächigen Fenster und der Fassadenbe-
hang aus Asbestzementplatten beeinträch-
tigen den denkmalpflegerischen Wert die-
ses städtebaulich und historisch wertvollen
Baudenkmals. Neben der Superintendentur
mit dem großflächigen Pastorengarten wa-
ren in den benachbarten Häusern der Orga-
nist in CORVINUSPLATZ 1 und die Schule
in CORVINUSPLATZ 3 untergebracht. Die
zwei benachbarten eingeschossigen, vor-
wiegend in Fachwerk erstellten Bauten wur-
den nach dem Zweiten Weltkrieg erheblich
verändert. Zu erwähnen ist das in städte-
baulich besonderer Lage erstellte zweige-
schossige Wohn- und Verwaltungsgebäude
CORVINUSPLATZ 7. Der verputzte Massiv-
bau wurde vermutlich auf einem Bruchstein-
sockel des Vorgängerhauses um die Jahr-
hundertwende errichtet. Neben der ortsge-
schichtlichen Bedeutung dieses Bereiches
mit der Ansammlung ehemaliger für die mit-

telalterliche Stadt bedeutender Funktionen
war dieser Bereich die westliche Siedlungs-
begrenzung vor dem Ausbau der Damm-
straße.
Nach dem Brand von 1733 wurde Patten-
sen mit erheblicher Unterstützung des kö-
niglichen Hofes in Hannover neu aufgebaut.
Zur Leitung dieser Aufgabe wurde der
Oberamtmann Otto Ludwig Vogt aus Blu-
menau, der schon beim Wiederaufbau der
Stadt Neustadt im Jahre 1727 mitgewirkt
hatte, nach Pattensen abgeordnet. Die um-
liegenden Städte und Ämter wurden ver-
pflichtet, den Aufbau Pattensens zu bezu-
schussen. Der königliche Baumeister Nie-
meyer entwarf im Auftrage des Königs
einen neuen Stadtgrundriß, der das alte
Straßenraster aufnahm. Der früher enge
Straßenraum sowie der Marktplatz wurden
verbreitert und der Straßenverlauf bis auf
die Stein- und Steintorstraße begradigt. Das
damals entstandene Stadtbild ist durch die
Hausgruppe DAMMSTRASSE 2 bis 32,
TALSTRASSE 24 bis 26, MARKTSTRASSE
1, 5, 7, 9, 11, dem MARKTPLATZ 1 bis 14
und den CORVINUSPLATZ 1 bis 7 deutlich
erkennbar, die als Gesamtheit baulicher
Anlagen ausgewiesen sind.
Die Pattenser Bürger wehrten sich gegen
die Vereinheitlichung der Häuser, die bis
zur Standardisierung der Fenstermaße
reichte. Der Bau der Universität in Göttin-
gen und der Wiederaufbau weiterer damals
abgebrannter Städte zwangen die Baumei-
ster, sparsam mit dem knappen Baumateri-
al Holz umzugehen. Dies und die Notwen-
digkeit den bedrängten Bürgern möglichst
schnell eine neue Unterkunft zu schaffen,
führten zu der Entwicklung des Pattenser
Haus- und Hoftyps. Ein wesentliches Merk-
mal des traufständigen, quer zur Firstrich-
tung erschlossenen Haustyps ist diekVerein-
heitlichung der Konstruktion und die Sche-
matisierung der Grundrisse. Das auf den
Traufseiten stockwerksartig abgezimmerte
Fachwerkgefüge ermöglicht eine in den Ge-
schossen voneinander unabhängige Anord-
nung der Außenwandständer und der in
den Fachwerkfeldern liegenden Fenster.
Der Achsabstand der Dach- und Decken-
balken beträgt ca. 1,20 m. Die Länge der
Balken reicht von ca. 7,50 m bis 11 m. Die
Querbalken werden in ihren Drittelpunkten
durch Innenwände oder Unterzüge unter-
stützt. Durch die Aneinanderreihung von
drei Deckenfeldern ergibt sich eine Zimmer-
achse. Bei den kleineren Haustypen liegen
jeweils zwei Zimmer hintereinander, siehe
DAMMSTRASSE 28 oder MAUERSTRASSE
17. Bei den größeren Haustypen sind es
drei Zimmer, wobei das mittlere, wenn es
an der Brandmauer liegt, nur durch ein klei-
nes Fenster zum Flur belichtet ist, siehe
DAMMSTRASSE 4 und 29 und STEIN-
STRASSE 17. In dem Raum an der Außen-
wand ist die Küche untergebracht. Der
Hausflur, der zugleich die Treppe aufnimmt,
besteht aus zwei oder drei Deckenfeldern.
Die Häuser wurden für eine fünf- bis sieben-
köpfige Familie mit Altenteiler und dem
Gesinde geplant. Die Wohnstube liegt meist
an der Straßenfront. Die Schlafkammern
sind über beide Geschosse verteilt. Bei den

Pattensen, Corvinusplatz


Pattensen, Marktplatz


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