Zimmermann, Petra Sophia [Oth.]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 18, Teil 2): Landkreis Celle: Landkreis Celle ohne Stadt Celle — Hameln, 1994

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WINSEN


Der Kirchort Winsen liegt rechts der Aller, 14
km nordwestlich von Celle. Aufgrund des Jo-
hannes-Patroziniums der Kirche kann ange-
nommen werden, daß ihre Gründung in der
Missionierungszeit um die Mitte des 9. Jh. er-
folgt ist und Winsen zu den Urkirchspielen
zählt. Am Anfang des 12. Jh. wird der Ort erst-
malig genannt, der zunächst ungefähr aus ei-
nem Dutzend Höfen bestand. Die zentrale
Lage an der Allerfurt - später an der Brücke -
begünstigten die Entwicklung Winsens zu ei-
nem wichtigen Handelsplatz. Winsen lag vom
Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jh. im Kreu-
zungspunkt der Handelsstraßen Hannover-
Hamburg-Lübeck und Braunschweig-Bre-
men. Im Interesse der Zollstätte an der
Brücke wurde von den Landesfürsten im 13.
und 14. Jh. die Nachsiedlung stark gefördert.
Die wirtschaftliche Blüte fand jedoch ein
Ende, als die Herzöge ihre Residenz in Celle
begründeten und Handel und Gewerbe inner-
halb einer Drei-Meilen-Zone durch landes-
herrliche Privilegien auf Celle konzentrierten.
Seit dem Ende des 15. Jh. saßen in Winsen
die Untervögte und vom 16. bis zur Mitte des
19. Jh. die Amtsvögte, denen Verwaltung und
Rechtsprechung im Gebiet der Vogtei oblag.
Winsen bewahrte seine Größe und bestand
zum überwiegenden Teil aus landwirtschaftli-
chen Kleinbetrieben, die ihre Existenz mit
Hilfe von Nebenerwerbstätigkeiten aufrecht-
erhielten. Der Holzhandel und der Holztrans-
port durch Schiffe und Flöße auf der Aller be-
gann zwar im 17. Jh., erlangte aber erst in der
Mitte des 18. Jh. wirtschaftliche Bedeutung.
Diese Verdienstmöglichkeit führte von 1770
bis 1821 zur Verdoppelung der Einwohner-
zahl. Die Flurkarte von 1822 vermittelt einen
sehr guten Eindruck von dem Dorfbild zu die-
ser Zeit. Mit der Einführung der Gewerbefrei-
heit um die Mitte des 19. Jh. entwickelte sich
Winsen dann zu einem wirtschaftlichen Mit-
telpunkt. In der Landwirtschaft wurden mit der
Verkoppelung neue Flureinteilungen vorge-
nommen, die eine effektivere Bewirtschaf-
tung zusammenhängender Flächen ermög-
lichten. Durch die Kultivierung von Mooren
(1862) nördlich des Dorfes wurden weitere
Nutzflächen hinzugewonnen.

Winsen, Alte Celler Heerstraße 46, Häuslingshaus, um 1880


Amtshaus
An die Allerbrücke schließt sich nördlich die
ehemalige Durchgangsstraße an. Auf dem
großen Grundstück an der östlichen Straßen-
seite liegt exponiert das mächtige Amtshaus,
ein zweigeschossiger Ziegelbau von 1727/
34, Hauptgebäude der ehemaligen Amtsvog-
tei (heute Rathaus). Die Fassade ist zum Orts-
eingang an der Brücke orientiert; sie ist durch
einen Mittelrisalit mit Dreiecksgiebel betont,
Sockel und Gebäudeecken sind durch Qua-
derwerk verstärkt, Fenster und Portal mit
Sandsteinrahmungen eingefaßt. Das Haus
gehört - mit dem Amtshaus in Beedenbostel
und dem Königlichen Weghaus in Bröckel -
zu den einzelen Beispielen früher Profanbau-
ten des Landkreises, die nicht in Fachwerk er-
richtet wurden. Im rechten Winkel vor dem
Amtshaus steht das ebenfalls 1734 erbaute

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