Fliegende Blätter — 32.1860 (Nr. 757-782)

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: TH) Das fünft

I

I Spieltischchcn!" — „O, durchaus nicht Alle," vertheidigte der
Gras eilig, „besonders ist dies bei Evcline nicht der Fall,
welche zudem einem alten Gcschlechte aus Wales angehört.
Aber Sie werden gleich hören, daß ich bei meiner Affaire gar
nicht noth hatte, nach großen oder kleinen Füßchen auszusehcn,

; vielmehr .... jedoch, bleiben wir bei der Sache. Ich liebte
Miß Evcline, ich liebe sie noch so leidenschaftlich, daß der bloße
Gedanke an sic mich selig in Wonne erbeben macht. Und —
um kurz zu sein, .... ich werde wieder geliebt; das weiß ich
tiesinncrlichst sicher; ich bin kein Geck, überhaupt kein Wciber-
umschmeichlcr von Profession, aber bei Evcline habe ich mir
Gewißheit verschafft, sie gestand cs mir selber, indem sie selig
weinte, und ihre Hände in den meinen zitterten. Aber schon
in nächster Minute fand sie ihre Fassung wieder und erklärte
mir mit ruhiger Bestimmtheit, weder mir, noch irgend einem
Manne je die Hand reichen zu wollen. All' mein Flehen,
mein Schreiben, mein Bestürmen war vergebens, sogar als
ich um sie bei ihrem Vater anhiclt, erklärte sic ihm mit
imponircnder Festigkeit, nie heirathen zu wollen und er schien
die Tochter zu verstehen und allein ihr die Entscheidung zu
überlassen, ohne mir irgend einen Wink über die Ursache dieser
tief verletzenden Weigerung zu geben. In meiner Dcsperation
griff ich nach allen möglichen Mitteln um hinter dies Gehcim-
' »iß zu kommen, denn das merkte ich, ein Geheimniß mußte
dahinter stecken, jedoch vergeblich. Endlich aber bezwang ich
doch die Sphynr, welche mir den Zutritt zu dem Hciligthum
verwehrte. Mistreß Kuddle, die Amme und Kammerfrau Eve-
| linens vertraute mir zuletzt, als sic meine leidenschaftliche Ver-
■ zweistung und den an mir zehrenden Gram sah, daß ....
nun, darauf kommen Sic wohl nie, lieber Doktor! .... daß
.... und Mistreß Kuddle wagte nur flüsternd und mit ab-
gcwendetcm Antlitze das Bekenntniß, .... genug, daß die
schöne reizende, feenhafte Miß Evcline — ein falsches Bein
habe! In Folge eines sehr unglücklichen Falles mußte sic am-
putirt werden .... Diese englischen Mechaniker sind fabelhast
geschickt; ich selbst merkte nichts, als daß Evcline sehr behutsam
zu gehen pflegt. Ein edles Schamgefühl verhindert sic nun,
dies Unglück je einem Manne cinzugeftehcn .... eine Delikatesse
und holde Zaghaftigkeit, die mich um so mehr entzückt. Genug,

i ich eilte nach Ungarn, ordnete meine Verhältnisse _ Dank

Ihrer virtuosen Hand, Doktor! bin ich nun ebenfalls und auf
die möglichst gelindeste Art ein Einbeiniger geworden, und
schon nächste Woche schiffe ich wieder über den Kanal. Miß
Evcline Morton kann jetzt durchaus keinen Grund zur Zurück-
haltung mehr haben und in der Season, in welcher sich ihre
Landsleute gewöhnlich des starken Nebels wegen dutzendweise
aufzuhängen pflegen, hoffe ich meinerseits mit der schönsten
Tochrer Albions ein fröhliches Hochzeitsfest zu feiern. Sic sind
als Beistand eingeladen, thcurcr Professor!" — „Ich danke
ergebenst für die Ehre, die ich übrigens zu schätzen weiß,"
erwicderte der Arzt, der bisher aufmerksam zugchört, nun
aber sich etwas unbehaglich und den Kopf schüttelnd pustete;
dann setzte er langsam hinzu: „Mein lieber guter Graf! ich
habe während Ihrer Kur Sie herzlich liebgewinnen gelernt,

iche Bein.

und ich nehme so lebhaften Antheil an Ihrem körperlichen
wie geistigen Wohlergehen, ich kann den Ausdruck wohl ge-
brauchen, gleich einem Vater. Ich enthalte mich daher jeder
Bemerkung über Ihr Bekenntniß, dessen Inhalt ich wohl schon
ziemlich ahnte und wünsche vom ganzen Herzen, daß Sie es
nie .... hören Sie cs wohl, nie, auch nicht in geheimen
oder übellaunigen Stunden bereuen mögen, dicß Opfer ge-
bracht .... was sag' ich, diesen halben Selbstmord begangen
zu haben!" — „O, nie, Doktor, nie werde ich cs bereuen,"
rief der Graf leidenschaftlich dazwischen, „ich bin gleich bereir,
auch mein Leben für diesen Engel des Aethcrs in die Schanze
zu schlagen." — „Es ist auch viel leichter zu sterben," de-
monstrirte der Professor heftig, „als auf einem Bein durch
ein langes Leben zu hinken, besonders ...." — „Nun ver-
gällen Sie mir nicht," wehrte der Graf, „meine freudige Er-
regtheit, mein stolzes Sclbstbcwußtsein, daß ich eines großen
Opfers fähig bin, welches ich gewiß nie bereuen werde, denn,
wenn cs je ein edles weibliches Wesen voll des höchsten Zartsinns
gab, so ist es Evcline. Stoßen Sic an, Doktor! Miß Evcline
Morton, for ever!"

III.

Bald zehn Jahre nach jenem Dejeuner war eine zahl-
reiche Gesellschaft in den Salons von Homburg versammelt.
Des großen Andrangs und der großen Hitze wegen, — man
hatte Mitte Juli — befanden sich die Tische für Roulett und
Trente et Quarante bereits in dem geräumigen Tanzsaal,
dessen Thürcn nach dem Vestibüle und nach dem Parke zu
geöffnet waren. Man hörte fast niäcks als die Rufe der !

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Das künstliche Bein"
Weitere Titel/Paralleltitel
Serientitel
Fliegende Blätter
Sachbegriff/Objekttyp
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Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Stauber, Carl
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Patient <Motiv>
Gespräch <Motiv>
Beinamputation
Karikatur
Arzt <Motiv>
Garten <Motiv>
Satirische Zeitschrift
Ungarn <Motiv>

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Reproduktionstyp
Digitales Bild
Rechtsstatus
Public Domain Mark 1.0
Creditline
Fliegende Blätter, 32.1860, Nr. 768, S. 90
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