Fliegende Blätter — 32.1860 (Nr. 757-782)

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Cine Ehrensache.

(Schluß.)

Meine Begleiterin sprach die Ucberzcugung aus, daß
ich Satisfaktion verlangen würde. Ich erwiderte einige mir
selbst unverständliche Worte und dankte Gott, als ich mich
der schönen Sophronia im Entree ihrer Wohnung empfehlen
konnte.

Statt in einen Austcrnkellcr eilte ich in mein Zimmer
und wagte es endlich, die Karte in meiner Hand näher zu
untersuchen. Sie trug den Namen: Achilles von Degengriff,
Hauptmann a. D. — Ich zweifelte keinen Augenblick, daß mein
Gegner alle die Eigenschaften besäße, die sein entsetzlicher
Name wie sein Rang andcutetc und cs lies mir kalt über den
Rücken, wenn ich ihn mir gegenüber dachte. Ich nahm mir
vor, jede Gelegenheit zu einem Rencontre sorgfältig zu ver-
meiden, legte mich endlich zu Bett und versank in einen un-
ruhigen Schlummer. Acngstlichc Träume, in denen mich jener
schreckliche Achilles bald durch's Herz schoß, bald mit einem
spitzigen Degen durchbohrte, quälten mick die ganze Nacht.

Am nächsten Morgen, noch che ich gcsrühstückk hatte,
wurde ich durch ein starkes Klopsen an meiner Thür erschreckt,
und unmittelbar daraus trat ein großer Mann von sehr ent-
schlossenem Ansehen ins Zimmer. Er stcllle sick mir als ehe-
maligen Lieutenant und Vetter des Fräulein Sophronia vor
und thciltc mir mit kurzen Worten mit, daß er von dem
gestrigen Vorfälle gehört habe und komme, um mir seine
Dienste als Sekundant anzubictcn.

Ich dankte dem Herrn für seine zuvorkommende Freund-
lichkeit, machte ihm aber bcmcrklich, daß ich noch nicht ent-
schlossen sei, den Capitän zu fordern.

„Noch nicht entschlossen!" wiederholte der junge Mann,
indem er von dem Stuhle aufsprang, den ich ihm angeboren
hatte. „Noch nickt entschlossen! Ich verstehe sie wohl nicht
recht!"

Ich erklärte ihm, daß Gewisscnsskrupcl cs mir unmög-
lich machten, aus ein Duell cinzugehen.

„Gewisscnsskrupel! — Gewisscnsunsinn!" unterbrach mich
mein Besucher. „Sic müssen sich schlagen, Herr, Sie haben
keine Wahl! Man hat eine Dame beleidigt, die unter Ihrem
Schutze stand. — Diese Dame ist meine Cousine und wenn
Sie sich nicht für sie schlagen wollen, so muß ich es thun!"

„Damit werden Sie mir eine große Gefälligkeit erzeigen,"
rief ich bedeutend erleichtert.

„Sie verstehen mich falsch," sagte er mit finsterer Miene.
„Fordern Sic den Capitän nicht, so muß ich das als einen
Mangel an Achtung für meine Cousine betrachten und Sie
fordern. Sic haben zu wählen, mit wem sic sich schlagen
wollen."

Er sagte das in so entschiedenem Tone, daß mir jedes
Wort des Widerspruchs aus der Zunge erstarb. Ich überlegte
in der Schnelligkeit, daß ein Duell mit Sophronias Vetter,
der ein sehr gefährlicher Charakter zu sei» schic», ebenso be-
denklich für mich war, wie ein Duell mit dem Capitän —
aber noch war ich zu keinem Entschlüsse gekommen, als der
Lieutenant mit zorniger Stimme fragte:

„Nun, soll ich die Forderung schreiben?"

Ich konnte mich nicht auf den kleinsten Einwand be-
sinnen, und gab zn Allem meine Einwilligung. Er setzte sick
an mein Pult und legte mir nach wenigen Minuten-folgende
Zeilen zur Unterschrift vor:

„Mein Herr!

Sie haben gestern Abend eine Dame, die unter meinem
Schutze stand, gröblich beleidigt. Als einen Mann von Ehre
fordere ich Sie hiermit auf, die triftigsten Entschuldigungen
für Ihr Benehmen bcizubringen oder die in solchen Fällen !
übliche Satisfaktion zu geben. Ich sende Ihnen diese Aus- i

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