Fliegende Blätter — 32.1860 (Nr. 757-782)

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Uhren-Hübler.

(Fortsetzung.)




Seltsam indessen war es und warf beinahe einen Flecken
auf den sonst so liebenswürdigen Charakter der Mutter Hübler,
daß diese so wenig Mitgefühl für den traurigen Zustand der
alten Freundin zeigte. War cs doch, als ob Mütterchen mit
einer gewissen Befriedigung das verlöschende Dasein der treuen
Gefährtin bemerkte, die alle frohen und trüben Stunden des
Ehepaars gesehen und mit ihrem Tiktak gemessen hatte; ja
sie konnte sich je zuweilen gewisser, fast schadenfroher Bemerk-
ungen über den hoffnungslosen Zustand der alten Uhr nicht
enthalten, Anmerkungen, bei denen der alte Hübler ganz ver-
stohlen lächelte. Die Sache war übrigens nicht so böse, als
sie aussah; denn hatte nicht die gute Mutter seit den ersten
apvplcktischcn Zufällen der alten Uhr den kühnen Gedanken
gefaßt, heimlich hie und da einen Groschen zurückzulcgcn, um
>o den Preis einer neuen freundlichen Wanduhr zu erschwingen
und den Vater am Geburtstage damit zu überraschen, und waren
die sorgsam gesparten Groschen nicht nach und nach zu Thalcrn
hcrangcwachsen, und die Summe war bereits beisammen, und
drüben beim Uhrmacher in der Stadt war schon eine Uhr
zurückgcstcllt mit Hellem weißen Angesicht, das wie die liebe
Sonne glänzte, und aus der Stirn ein kunstvoll gemaltes
Blumenstück trug, eine Uhr mit blanken Gewichten, die an
Messingkcttcn hingen! — Die ganze Sache war zwischen den
beiden Alten eine Art öffentlichen Geheimnisses, wie das so
oft stattfindct bei solchen Familien-Ueberraschungen.

Vater Hübler hätte hartköpfiger sein müssen, als er cs
war und er war's wahrhaftig nicht, wenn er nicht hätte merken
sollen, was die Mutter im Schilde führe. Ein paar Mal hatte
er sich schon den Spaß gemacht und hatte vom Anschaffen
einer neuen Uhr gesprochen und sich ergötzt an den künstlichen
Wendungen und Schlichen, welche die Mutter anwendete, um

den Kauf zu hintertrciben. — Wie sie cs ihm ausredctc, wie '
sie bat, er solle cs nur noch ein paar Wochen mit ansehen,
die alte Uhr könne sich am Ende doch wieder erholen, es sei
ja dann noch immer Zeit, an eine neue zu denken! — Pie
Mutter hatte auch beim Uhrmacher drüben gemessenen Befehl
hinterlassen, dem Hübler keine Uhr zu verkaufen, wenn er
etwa nach einer kommen sollte. Das war nun freilich völlig
überflüssig, denn der Vater hatte ja längst errathcn, was die
Mutter beabsichtige, aber er stellte sich, als merke er auf der
Gotteswelt nichts, um die Ucberraschung nicht zu verderben.

Der frohe Tag des Wiedersehens ging vorüber, wie ja
jeder, der schönste und der schwerste und bitterste sein Ende
findet. Die Herren Söhne reisten nach unzähligen Abschieds-
küsscn ab, und Hüblers lebten wiederum in ihrer friedlichen
Stille hin.

Da kam endlich der lang erwartete Geburtstag. Er fiel
mitten in den schönen Sommer und wurde schon seit längerer Zeit
nach einem feststehenden Programm gefeiert. Die Mutter stand
an jenem Morgen früher aus, deckte den Tisch drüben an der
Wand mit einem weißen Tuche und setzte, was sic für den
Vater als Angebinde gekauft, mitten aus de» Tisch. Ein paar
Gläser mit den schönsten Blumen gefüllt, zierten außerdem
den häuslichen Fcstaltar. Dann wurden die Packele und Kist-
chen, die in den vorhergehenden Tagen von den Kindern aus
Dschatz, Wurzen, Frankfurt und Leipzig cingclausen, und von !
der Mutter in Empfang genommen und aufgehoben waren, j
vor dem Tisch auf den Boden gestellt und wenn dieß besorgt
und der Kaffee fertig war, dann ging Mütterchen, den Vater
zu holen. Der kam nun, das Präsent der Mutter wurde zuerst
bewundert und von allen Seiten betrachtet und dann ging
man über zu dem zweiten Theil der Festlichkeit, zur Enthül-

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