Fliegende Blätter — 47.1867 (Nr. 1147-1172)

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Der vrrhängnißvollc Regenschirm.

(Schluß.)

Lassen wir den Schwergeprüften ungestört seine Ent- !
deckungsrcise antreten, und eilen wir ihm voraus, Louisens
Schicksal kennen zu lernen. Als Heinrich sich auf das Tele-
graphenamt begeben hatte und so lange nicht zurückkam, ge- j
rieth Louise in eine leichterklärliche Aufregung. Gar zu gerne
wäre sie an das entgegengesetzte Wagcnende gerückt, um nach
ihrem Gatten zu spähen. Der Wagen war indessen voll !
fremder, theilnahmsloser Männer, die Louise ziemlich auf- !
fallend beobachteten. Sic wagte nicht sich denselben zu
nähern und wollte ihre Aengstlichkeit nicht zum Gegenstände
spöttelnder Heiterkeit gemacht wissen. Mit großer Kraft-
anstrengung beherrschte sic sich daher und blieb scheinbar ruhig
sitzen. Als aber die Wagcnthürc plötzlich knarrend in's
Schloß flog, ein schriller Pfiff erklang und der Zug sich in
Bewegung setzte, da war es aus mit der erheuchelten Seelen-
ruhe. Louise drängte sich ungestüm vorwärts, beugte sich
weit zum Fenster hinaus und jammerte, man möge sie aus-
steigen lassen. Der Silbcrklang ihrer Stimme verhallte un-
gehört in dem Zischen, Brodeln und Stöhnen des Dampf-
wagens; Louise war gezwungen, ihre Reise wider Willen fort- j
zusetzen. Voll bitteren WeheS zog sie sich auf ihren Platz
zurück. Ein Thränlein nach dem andern entwand sich den
bekümmerten Augen. Trostgedanke in ihrem Jammer war
gleichfalls das bestellte Zimmer in den drei Kronen zu F.
Unendlich wohlthätig war cs für Louise, als die ihr wenig
zusagende Reisegesellschaft am nächsten Anhaltspunkte ins-
gesammt ausstieg, und sie mit ihrem Sorgen und Hoffen sich
ur zwangloser Einsamkeit befand. Allmählich w^urde sie ruhiger
und gefaßter. Die boye Bedeutung des heutigen Tages mit
seinen bunten, wechselvollcn Bildern zog an ihrem Geiste vor-
über. Vergangenes tauchte auf; selbst aus der Kindheit frohen

Tagen drängten sich heitere Bilder herbei. Ahnungsvoll
schweifte der Blick in die Zukunft, Hoffnung rang mit banger
Ahnung, da scholl eine rauhe Stimme zum Wagenschlage
herein: „Billeten abgeben!" — Louise wurde blaß und

stammelte: „Ich habe kein Billet, mein Mann hat beide."

— „So, wo ist denn der Mann? Ich sehe keinen Mann!"

— „Er hat den Zug versäumt und mußte zurückblciben." —
„Geht mich nichts an! Da könnte Jeder kommen, wo wollen
S' hin?" — „Nach F." — „Und wo kommen S' her?" —
„Von N." — „Zweite Classe macht 2 fl. 12 kr." — „Ach
bester Mann, ich habe keinen Kreuzer Geld!" — „Kein
Geld auch nicht! Gar nicht übel! Da steigen S' ganz einfach
aus." — „Aber Sie werden doch nicht glauben" — „Nein,
das Glauben ist gar nit meine Sache, d'rum zahlen S' oder
steigen S' aus!" — „Ich bitte Sie um's Himmels willen —!"

— „Da wird nichts gebeten; wer kein Billet hat und nicht
zahlen kann, der steigt einfach aus." — Dabei machte der
unhöfliche Mann eine so entschiedene Handbewegung, daß
Louise Gewalt fürchtete und in höchster Bestürzung ausstieg.

— Sie war von Natur überaus schüchtern und noch niemals
selbstständig auf Reisen gewesen. In den engen Kreis eines
immer gleichförmigen Familienlebens gebannt, hatte sic nicht
gelernt, sich in außergewöhnliche Fälle zu schicken. Was
Wunder, wenn daS zarte Blümlein ihrer Seelcnstärke nun-
mehr geknickt war. Vollständig rathlos zog sic sich in einen
Winkel des Bahnhofes zurück und weinte bitterlich. Die
Familie eines höheren Bahnbcamtcn hatte von ihrer Wohn-
ung aus Louisens jammernde Gebcrden beobachtet. Von
Mitleid und Neugierde getrieben, näherten sich ihr die beiden
ältesten Töchter des Hauses und forschten theilnahmsvoll nach
der Ursache ihres Schmerzes. Sie boten ihr den Arm und

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