Fliegende Blätter — 47.1867 (Nr. 1147-1172)

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Drei

ödchen auf der Jagd.

(Fortsetzung.)

„Wie," rief entrüstet Aennchcn, „halten Sie uns, Herr
Amtmann, für Zigeunerinnen?"

„Halten Sie mich," sprach Grctchcn mit einem gewissen
Unwillen, „für eine Hexe?"

„Glauben Sic," mcintcMinna ruhiger, „daß wir wirk-
lich zu bezaubern im Stande sein könnten?"

„O ja, auch ich ward einmal von einem Mädchen so
bezaubert, daß dieser Zauber noch heute mein seligster Traum ist."

„Laßt uns," rief Minna, in deren Kopfe cs Licht ge-
worden war, „auf den Wunsch unseres Richters eingchen, ich
will den Anfang machen. Ich werde Sic, Herr Gcrichts-
amtmann, sofort so bezaubern, daß Sie keinen Schritt zu
gehen im Stande sein werden." Augenblicklich ließ sie den
Hund von der Leine und rief: „Juno, paß auf." Juno
sprang blitzschnell unter starkem Gebell auf den erschreckten
Amtmann los und stellte ihn. Sowie der Amtmann nur
Miene machte, einen Fuß vorwärts setzen zu wollen, machte der
Hund auch Miene, ihn zu fasten. So stand der Richter in
der That wie bezaubert da, denn er durfte nicht wagen, sich
zu rühren, da der Hund selbst die kleinste Handbewcgung
nicht litt. Einige Zeit hielt er in dieser mißlichen Situation
ruhig aus, hoffend, daß der Hund ablassen und seine Schritte
frei machen werde. Allein Juno blieb mit gespannten Augen
und halbgeöffnetem Nachen, in welchem sich ein gewaltiges
Gebiß zeigte, regungslos stehen und der Amtmann sah bald
rin, daß er bitten müflc, um von diesem lästigen Zauber er-
löst zu werden. „Meine schöne Dame," rief er, „Ihr Zau-
ber ist gelungen, erlösen Sie mich nun aus demselben."

„Juno, retour!" rief sie; der Hund gehorchte augen-
blicklich und war auch sofort wieder an der Leine.

„Verzeihen Sie, Herr Amtmann, mein Hund faßt nur

an, wenn ich ihm zurufe: Juno, pack! Dieser Zuruf würde
aber nie erfolgt sein."

„Jetzt bin ich an der Reihe," sprach Anna, die zweite
Schwester, „ich will Sic so bezaubern, daß Sie weder zu
gehen, noch ein Wort zu reden im Stande sein werden. Ich
ermahne Sie aber dringend, meine Worte streng zu nehmen."
Augenblicklich hatte sic den Hahn ihres Gewehres gespannt
und dasselbe auf den Amtmann angelegt.

Mit gellender Stimme, als wenn es der höchste Ernst
sei, rief sie ihm zu: „Der erste Schritt, den Sie zu thun
wagen, das erste Wort, was Sic zu sprechen riskiren, bringt
Sie um's Leben; Sic stürzen von einer Kugel getroffen tvdt
nieder, ich schieße sicher, denn meine Ehre steht auf dem
Spiele."

Der Amtmann stand wie vom Schlag gerührt da, einen
so grauenhaften und gefährlichen Zauber hatte er von der
jugendlichen Schönen nicht erwartet. Wenn das Gewehr
durch Zufall losging? Schon wollte er entfliehen, schon
schwebte es ihm auf der Zunge, um Erlösung aus dieser
gräßlichen Situation zu flehen, aber in diesem Augenblicke
rief ihm die Zielende mit grell und hastig tönender Stimme
zu: „Keinen Schritt und kein Wort, Herr Amtmann, denn
Sie sind des Todes. Ich bitte inständig, mich nicht zur
Mörderin und sich nicht zum Selbstmörder zu machen."

Der Amtmann war von dieser Stimme wie vom Blitz ;
getroffen, die Sache war ihm zum höchsten Ernste geworden.
Er stand baumfest, schwieg wie ein Fisch und dachte, daö ist
ja ein gräßlicher Zauber.

Als die zielende Schöne merkte, daß der Amtmann an
allen Gliedern zu zittern anfing, setzte sie das Gewehr sofort
bei Seite. Schnell wollte sich der bis zum Tode geängstigte

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