Fliegende Blätter — 47.1867 (Nr. 1147-1172)

Page: 121
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb47/0126
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
lg Bestellungen werden in allen Buch- und Kunst-
handlungen, sowie von allen Postäm l ern und
eit unqS crp editio n e n angenommen._

Erscheinen wochenttich einMal.SudscriplionS-v,

H M ^ # preis für den Band von 26 Nummern 3 fl. 54 kr. ^' “•

ob. 2 Rlblr. 5 Sgr. Einzelne Nummern 9 kr. od. 2'/, Sgr.

Eine Geschichte, gar wunderbar, re.

(Schluß.)

Die Suchenden waren fort von der Unglücksstelle, daö
Gericht hatte sich entfernt, aber am alten Schachte standen
noch so lange neugierige Menschen, welche disputirten oder
über die Sache mit sich nicht in's Klare kommen konnten,
bis der alte Schacht wieder so fest mit Brettern umnagelt
war, daß kaum eine Maus hätte hincindringen können.

Eine Menge Menschen waren bereitwilligst ausgegangen,
nm Röschen zu suchen, allein Älle, selbst die Eltern des Kin-
bes, kehrten nach langem und mühevollem Suchen ohne Rös-
chen zurück, ja keiner derselben hatte auch nur eine Spur
von dem Kinde entdeckt, kein Mensch hatte cs irgendwo in
der volkreichen und belebten Gegend gesehen, obwohl es den
weiften Dorfbewohnern von Angesicht zu Angesicht wohl be-
kannt war.

Der Gerichtsdircktor schrieb sofort eine Bekanntmachung
in die gelesenstcn Blätter der Gegend nieder, um des KindeS,
sei cs todt oder lebendig, habhaft zu werden; im ganzen
Dorfe und der Umgegend sprach man von nichts, als von
dem verloren gegangenen Kinde. Viele behaupteten, es müsse
gestohlen und entführt worden sein, viele kamen immer wieder
auf die Aussage der Kinder zurück, daß sie mit ihren Augen
gesehen hätten, wie Röschen hinab in den Schacht gestürzt fei.
Kinder und Narren, spricht man, sagen die Wahrheit. Was hätte
die Kinder veranlasien können, wenn es nicht wahr gewesen,
sich zu solch' einer Lüge zu vereinigen und dieselbe so bestimmt
und entschieden stets auszusprechen? Ein tiefes Dunkel schwebte
über dieser Angelegenheit und kein Mensch konnte mit sich darüber
in'S Klare kommen, wo das Kind hingekommen sein möge.

Nur einer war sich darüber klar und dies war der Vater

Röschens. Er saß in seiner Stube und tröstete sein Weib

fortwährend mit den Worten: „Der Berggeist hat uns unser

Kind erhalten und heute noch wird es wieder bei unS sein.
Er ist mir heute Früh 10 Uhr, als die Kinder unser Röschen
in die Grube stürzen sahen, erschienen. ES war zwar bloS
ein Augenblick, in dem ich ihn sah, aber ich sah genau, daß
er etwas, wie in einen Mantel gehüllt, auf seinen Armen
trug. Glaub' es, liebe Frau, was seine Arme hielten, das
ist unser Kind gewesen, welches er irgendwo wieder auf die
Erde setzen und uns zuführen wird."

Das Mutterherz hatte sich wohl etwas beruhigt, seitdem
man wußte, daß Röschen nicht im Schachte verunglückt, über- .
Haupt nirgends darin aufzufinden gewesen war, nicht weniger >
vermochte die große Zuversicht deS Vaters, mit welcher der- !
selbe auf die Hilfe deS Berggeistes rechnete, die Bangigkeit in
der Mutterbrust zu mindern, aber immer und immer erhob
sich darin die Frage: wo mag mein Kind jetzt sein? Wird
es je wieder in's Elternhaus kommen? Nur einige hundert
Schritte von dem Wohnhäuöchcn Nötzold's, welches die Frucht
seines bergmännischen Fleißes war, wohnte ein Bergmann
Namens Sachse.

Derselbe war mit Nötzold's befreundet, kam oft in die
Wohnung derselben und machte dann mit dem kleinen Karl
und Röschen sein SpäSchen, wie derselbe überhaupt ein Kindcr-
freund war. Unverheirathct, nannte er oft im Scherze Rös-
chen seine Braut. Dieser Sachse arbeitete als Bergmann
nicht auf den nahe gelegenen Kohlenwerken deS Dorfes P.,
sondern auf einem Schachte des ziemlich eine Stunde von P.
entfernten Dorfes B. Die Kohlenstötzc, die unter dem Dorfe
P. lagern, erstrecken sich nämlich weit fort. Sie laufen von
P. ab unter einem Flusse hinweg nach den Dörfern B. und
H. zu, auch darüber hinaus. In und um beide Dörfer herum
ist ein sehr reges, bergmännisches Leben. Der Weg auf der


loading ...