Fliegende Blätter — 47.1867 (Nr. 1147-1172)

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Der Rathskellcr von Maricnhcnn.

(Fortsetzung.)

Der Schneider machte eine Pause.

„Und das glauben Sie?"

Er sah mich traurig melancholisch an.

„Sie scheinen 's mir nicht zu glauben, wie viele andere
j Menschen auch. — Aber ich glaube es, ja ich glaube es,

! daß der Jean Baptiste heraufgestiegcn ist aus seinem Kerker
! hier unter uns und sein Wort wahr gemacht hat — und
wie ich Sie heute so vor mir sah, da dacht' ich, Sie wollten
j wich mitnehmen, da ja kein Amtmann mehr im Orte ist.

„Die Sache liegt ganz klar auf der Hand, sagte ich.

> »Der frische Tabak in großem Quantum verraucht, der viele
Wein, die feuchte moderige Atmosphäre, die beinahe in allen
, diesen Räumen vorherrscht, scheinen ihr Möglichstes dabei gc-
than zu haben — der Amtmann darauf in lustiger, übcr-
wiithiger Laune, erinnert sich, daß heute der Jahrestag einer
gewissen Schauergeschichte ist, und macht sich einen Spaß dar-
aus, seinen furchtsamen Adjunctus zu ängstigen, indem er zu
dm leeren Wänden redet, und seinem Opfer weiß macht,
Puppenberg sitze unter ihnen. So entwickelt sich denn die
Geschichte. Den Amtmann rührt dabei der Schlag — der
Adjunctus glaubt, das Gespenst habe ihn umgebracht und
wird darüber verrückt."

„Das haben schon Viele gesagt, auch die Döctores —
aber weßhalb — auf natürliche Weise das erklären, was
auf unnatürliche einen so seltsamen Reiz gewährt?" fuhr mein
Gegenüber fort, sich die mageren Hände reibend. „Man wird
so berührt davon, ich weiß selbst nicht wie. Und dann ist
es doch immerhin ein angenehmes Gefühl, zu denken, so einen
Fall, der sonst nur in den dicken alten Büchern vorkömmt,
die mir der Herr von Buchenau zu Zeiten leiht, quasi selbst
I erlebt zu haben."

Ich sah den Schneider mit besonderem Interesse an.

Er war eines jener armen, bcdauerungsmürdigen Ge-
schöpfe, die der Müssiggang zu diesem Stadium des elegischen
Wahnsinns gebracht hatte.

Den ganzen Tag ohne körperliche Arbeit sitzt der Schnei-
der von Maricnheim — o ich sehe ihn vor mir — mit
krummen Beinen auf seinem Tisch und philosophirt über die
mutatio rerum, die Vergänglichkeit des Bestehenden. Wo die !
spanischen Herren früher stolzirtcn, auf dem schlecht gepfla-
sterten Marktplatz, da spielen jetzt rothröckigc Natten — und
in Zukunft blühen vielleicht dorten buntschillernde Pilse. Oder
er liest die alten dicken Bücher, die ihm der Herr von
Buchenau leiht, die wundervollen Geschichten, wo einem die
Haare zu Berge stehen, die aber einen angenehmen Reiz auf
den ausüben, der sein ehrliches, offenes Hirn mit diesen tollen,
schnöden PhantaSmen zu einer vcrschrumpftcn, verkrüppelt- >
zwcrghaften Materie zermartert, so hirnlos und verbrannt, ,
wie sic mein Berichterstatter mit sich hcrnmträgt.

Armes Schneiderlein, an Dir ist auch ein Don Ouirote
verloren gegangen — ein wahrer, ächter — phantastischer!

Der Schneider that einen langen Zug.

Jetzt zur Geschichte vou anno 1744.

Der Name Puppcnbcrg ist in den ältesten Chroniken i
MaricnhcimS zu finden. Er ist ein inhaltsvoller Name.
NathSherren und Bürgermeister, Fcldhauptleute und kühne !
Seefahrer haben ihn geführt — mit Ehren und Wunden. !
Und es cristirt eine Phrasis in dem Munde der Chronisten, >
die Alles genugsam aussagt: Groß wie die Puppenbcrgcr.
Aus diesem Geschlechte ist Jean Baptiste hcrvorgegangen. Er j
sollte der Letzte sein. Sein Vater war ein reicher, angesehener
RathSherr — er hatte in seiner Jugend manchen tollen

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