Fliegende Blätter — 47.1867 (Nr. 1147-1172)

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Aus dem vorigen Jahrhundert.

(Fortsetzung.)

Es war am Morgen des folgenden Tages, als der
Amtmann des herzoglichen Amtes Vechelde, Herr Jodocus
von Remp, sich in seine Geschäftsstubc begab, um die mit
der Post soeben cingetroffcnen Dienstbriefe zu erbrechen und
I einer flüchtigen Durchsicht zu unterziehen, eine Arbeit, die er
in der Regel vor dem Frühstück, das er gern mit der größten
Ruhe verspeiste, beendete. Der Amtmann war eine lange,
dürre Erscheinung. In dem mageren Gesichte mit den her-
vortretenden Backenknochen, der langen, spitzen Rase, auf der
die dicke Hornbrille nur einen sehr unsicheren Haltpunkt ge-
winnen konnte, den stechenden, grauen Augen, die je nach
Bedürfniß bald über, bald durch die Brillengläser blickten,
und den zusammengekniffenen Lippen, zwischen denen die Spitze
einer langen Pfeife permanenten Aufenthalt gefunden hatte,
zeigten von Güte und Milde nicht das Mindeste. Von diesen
löblichen Eigenschaften hatte der Mann auch bislang Nieman-
den, nicht einmal seiner eigenen Familie, besondere Beweise
gegeben. Im Gcgcntheil, er zeigte sich stets als ein unaus-
stehlich stolzer und ausnehmend grober und anmaßender Mensch,
der sich schon als Edelmann, noch mehr aber als Amtmann
besser denn andere Leute dünkte, so daß es wohl kein Wun-
der zu nennen, wenn ihm Niemand sonderlich, am wenigsten
aber seine Amtsuntcrthanen, die er nur zu gern als Leib-
eigene behandelte oder richtiger mißhandelte, hold war. Der
Amtmann erfreute sich am heutigen Morgen einer außcr-
j ordentlich schlechten Laune, was der gleichfalls in der Ge-
schäftsstube anwesende Schreiber an den Blicken, die fort-
! während über die Brillengläser des Herrn Jodocus von Remp
schoflen, um etwas Ordnungswidriges zu entdecken, sofort
erkannte. Trotz des eifrigsten Umherblickens stieß ihm indeß
nichts auf, an dem er seine böse Stimmung auslassen konnte

und knurrig nahm er dcßhalb in dem hohen Stuhle vor
seinem Arbeitstische Platz, um die Briefe zu erbrechen.

„Schcere!" commandirte er mit schnarrender Stimme.

Der Amtsschreiber überreichte ihm rasch eine mächtige
Papierscheere, und der Amtmann wollte damit eben das Siegel
des obenan liegenden Briefes öffnen, als er bemerkte, daß
die eingegangencn Dienstsachen wiederum nicht in der von
ihm befohlenen Ordnung, worin er sehr peinlich war, lagen,
und heftig fuhr er dcßhalb, sich an den armen Schreiber |
wendend, auf: „Was ist das nun wieder? Alles bunt durch- j
einander! Habe ich Ihm nicht hundert Mal befohlen, die :
Briefe stets nach einer gcwiflen Ordnung und zwar nach
Dienst- und Privat-Briefen zu trennen? Ist Ihm ferner
nicht strenge Weisung ertheilt, diese Briefe stets so zu legen,
daß sich mir zuerst die Siegel und nicht die Adressen der-
selben zeigen? Aber Er ist und bleibt ein Tölpel und wenn j
Er auch noch zehn Jahre AmtSschreibcr!"

„Verzeihen der Herr Amtmann," versetzte der Schreiber, |
ein schlanker, blasser Mann, dem der Kummer aus allen j
Zügen blickte, „verzeihen der Herr Amtmann meine Vcrsäum-
niß. Ich war der Meinung, daß der Vogt, dem die strenge
Weisung des Herrn Amtmann ja auch bekannt, die Briefe,
welche er vorhin von der Post geholt, ordnungsmäßig getrennt
habe, und daß —“

„Raisonnire Er nicht," unterbrach der Amtmann die
entschuldigende Rede deS Schreibers heftig, indem seine Augen |
über die Brillengläser wiederum Blitze des ZorneS schoflen, !
„raisonnire Er nicht! Das ist die gewöhnliche Art von Leu-
ten Seines Schlags, ihre Fehler auf andere unschuldige nicht
anwesende Menschen, die sich unter solchen Umständen natür-
lich nicht vertheidigen können, zu schieben! Doch bei mir

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