Fliegende Blätter — 47.1867 (Nr. 1147-1172)

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Handlungen, sowie von allen Postam t o «mm». «. <q t- ,

ÄeitnngSerpeditionen angenommen.

Vor vierzig Jahren — es kann auch ein paar Jahre
länger her sein — wurde ich von der Gutsbcsitzcrversamm-
lung zum Beisitzer gewählt. Ich hatte früher im Militär
gedient und noch dazu bei der Cavaleric, ich empfand daher
' die Wahrheit zu gestehen — nicht die geringste Lust, jetzt
ein Tschinownik*) zu werden. Meine Gutsnachbarn drangen
indessen in mich: „Diene der Gesellschaft" sagten sie „Du
hast lange genug auf der Bärenhaut gelegen, Kohl gepsianzt
und Pflaumen getrocknet!" So setzten sie mir von allen
Seiten zu, daun kam noch meine Frau und sagte. „Es ist
doch gcschcidtcr. Du dienest, als daß Du Albernheiten treibst
und mit Maria Wlaßownja Mariage spielst" (das war näm-
lich unsere Nachbarin, eine dicke, rcputirliche Frau, so wie
»an sie im Liede findet.) - Was blieb mir also übrig? Ich
"ahm die Wahl an.

Zwei Wochen darauf wurde mir die Anzeige, daß der
Herr Gouverneur die Wahlen bestätigt habe, und die Auf-
forderung: „nach Empfang Dieses unverwcilt nach der Stadt
P. zu kommen, um den erforderlichen Eid zu leisten."

Meine Frau holte meinen Milizkaftan aus dem Kasten
hervor, besserte daran aus, was etwa zcrriffen war, putzte
und glättete ihn und trieb mich zur Abreise an ; ja sie ge-
stattete mir nicht einmal so viel Zeit, um von Maria
wlaßownja Abschied zu nehmen. Ach, wenn sic geahnt hätte,
welcher Roth sic mich cntgegcntricb!

Am Sonntage nach der Morgenmcffc wurden wir, ich
und einige andere Neugcwähltc, vereidigt, dann begaben wir
uns direkt aus der Kirche zu unserem Vorsitzenden, um uns

*) Beamter.

ob. 2 Rthlr. 5 Sgr. Einzelne Nummern 9 kr. ob. 2'/, Sgr.

Geschichten aus der Ukräne.

Fortsetzung von Nr. 11-14 des vorigen Bandes.

Der Schnurrbart.

ihm vorzustellen. Vorsitzender war aber damals ein „gar
vornehmes Thier", wie wsir ihn nannten — seinen Namen
will ich verschweigen, er ist schon lange todt, Gott Hab' ihn
selig. — Wir fahren also bei ihm vor und treten in die Thür;
da steht ein Lakai an der Schwelle in bunter Livrse, mit
allerhand ausländischem Plunder behängen, der zugleich mit
dem Vorsitzenden aus Moskau hergckommen war.

„Können wir uns dem Herrn Präsidenten vorstcllcn?"
fragen wir.

„Keineswcges," antwortet der Lakai. „Seine Erccllen;
geruhen heute nicht zu empfangen. Schreiben Sic sich ge-
fälligst hier ein!"

Mit diesen Worten weist er auf ein auf dem Tische
liegendes, in Maroquin gebundenes Buch.

Wir sehen einander an und stehen wie festgenagelt da;
wir wissen nicht, was wir thun sollen. Denn damals war
es bei unS zu Haufe noch nicht Mode, daß man bei Visiten
eine Karte abgab oder sich in ein Buch cinschricb.

„WaS zögern Sie, meine Herren," sagt der Lakai.
„Schreiben Sie!"

„Aber zuin Teufel, was soll daö?" fragen wir.

„So beliebt cS Seiner Erccllcnz," sagt er.

Wir fangen an, uns wegen dieses Teufclsbuches zu be-
rathschlagen. „Das ist wahrscheinlich ein Album, wie sie cs
nennen" — sagt Einer — „da schreibt man zum Andenken
Verse hinein und. malt ein von einem Pfeile durchbohrtes
Herz dazu."

„Vielleicht," bemerkt ein Anderer, „will der Herr Prä-
sident sehen, was für eine Hand Jeder schreibt."

So reden wir hin und her, und der verdammte Lakai

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