Fliegende Blätter — 47.1867 (Nr. 1147-1172)

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Sa 1165.

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od. 2 Rthlr. 5 Sgr. Einzelne Nummern 9 kr. od. 2'/, Sgr.

Dre Kunst, zu borgen.

(Fortsetzung.)

„ES ist mir ganz unerklärlich, wo Sperling so lange
bleiben mag, da er mir noch dazu gar nicht gesagt, daß er
^usgehcn wollte," rief Frau Sperling und blickte auf die
Straße, wo jedoch leicht begreiflicher Weise auch noch keine
Spur von dem cingeschloffcnen Schneidermeister zu sehen war.

„Ich werde lieber später wiedcrkommen, obgleich ich gar
^ gern in einer wichtigen Sache Herrn Sperling schon jetzt
: gesprochen hätte," meinte Beutelfcld.

„Kann ich nicht vielleicht die Stelle meines Mannes
Zertreten? Ich genieße dessen volles Vertrauen in den ge-
i beimsten Angelegenheiten und Sie können sich dcßhalb getrost
! "uch an mich wenden," versicherte Frau Sperling, deren Neu-
> Verde immer mehr gereizt wurde.

„Ich glaube kaum, daß ich in dem gegenwärtigen Falle
°as Recht hätte, mich Ihnen zu entdecken," sprach mit crheu-
^tlter Verlegenheit Bentelfeld.

„Und ich versichere Sie, daß mein Mann nicht mehr
vertrauen zu Ihnen haben könnte, als ich selbst," sagte Frau
Sperling mit einem Blicke aufrichtigen Wohlwollens. „Ent-
becken Sie mir also Ihr Gchcimniß ohne furcht."

„Nun denn — da Sic es wünschen, so werde auch ich
^hnen beweisen, wie groß das Vertrauen ist, welches mir
Ähre ganze Erscheinung auf der Stelle vorhin schon eingeflößt
Hot," erklärte Beutelfcld und fuhr nach einer kleinen Pause
fort: „Ich kenne und achte Herrn Sperling, Ihren Gatten,
schon lange, und derselbe war so freundlich, mit seiner kunst-
Vübten Hand für die Bedürfnisse meiner Garderobe zu sorgen."

„Sehr angenehm! Ich wünsche meinem Manne recht
rt°lc so artige Kunden wie Sie cs sind, mein Herr," sprach
mau Sperling mit freundlichem Lächeln, ohne zu ahnen, von

welch' schauderhaften Folgen die Erfüllung dieses Wunsches
begleitet sein werde.

„Sie sind allzu gütig," erwiderte mit einer höflichen
Verbeugung Beutelfcld. „Ich schulde Herrn Sperling noch
eine Kleinigkeit — ich glaube fünfundzwanzig Thaler — und
wollte eben heute meine Rechnung ordnen, wenn mir nicht
ein ganz verwünschter Zufall dazwischen gekommen wäre."

„Oh, es hat ja damit gar keine so große Eile," ver-
sicherte Frau Sperling gütig.

„Ich weiß, daß Ihr Herr Gemahl ein nachsichtiger
Gläubiger ist," sagte Beutelfcld und sah sich dabei unwill-
kürlich nach der Thür um, ob in diesem Augenblicke nicht
etwa einer von Sperlings Lehrlingen hcreintrete, der jene Be-
hauptung gerade in Bezug auf Beutelfclds Person Lügen
strafen könnte. Dann setzte er hinzu: „Zum größten Unglück
sind aber nicht alle Leute von so gutherzigem und biederem
Charakter wie Herr Sperling, den ich dcßhalb auch mit vollem
Rechte meinen Freund nenne. Da ist zum Beispiel der
Kaufmann Stern ein wahrer Barbar. Ich schulde diesem
Mann zwanzig Thaler für Cigarren und hatte demselben für
heute ebenfalls die Bezahlung dieser Bagatelle fest zugesagt,
weil ich von meinem reichen Onkel aus BrcSlau einen Brief
mit hundert Thalern ganz sicher erwarten durfte. Nun
ist aber leider dieses Geld ausgeblieben und trotzdem besteht
der geizige Stern durchaus auf der Bezahlung jener Schuld;
ja, denken Sic nur, Madame! — er hat mir sogar mit
Arrest drohen lassen, wenn ich ihm nicht noch im Laufe dieses
Vormittages das Geld einhändige."

„Armer, junger Mann!" rief ganz gerührt Frau Sper-
ling aus.


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