Fliegende Blätter — 47.1867 (Nr. 1147-1172)

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Die Kunst,

„In meiner peinlichen Verlegenheit wollte ich mich nun
an Herrn Sperling wenden," fuhr Beutclfeld mit zitternder
Stimme fort, „da ich bei ihm auf freundschaftliche Hilfe
rechnen konnte. Da Ihr Herr Gemahl aber leider nicht zu
Hause ist, so muß ich mich wohl in mein trauriges Schicksal
fügen, denn Stern will, wie gesagt, keine Stunde länger Ge-
duld haben. Ich bitte Sie, Ihren Herrn Gemahl von seinem
schwerbekümmerten Freunde zu grüßen; mein Name ist von
Beutelfeld! Leben Sie wohl, Madame!"

„Mein Herr! Wofür halten Sie mich," rief jetzt Frau
Sperling, und vertrat dabei Beutelfeld, welcher Miene machte,
sich zu entfernen, den Weg. „Ich habe ein ebenso gutes
Herz, als mein Mann, und zumal für die Freunde Sper-
lings. Ich bitte Sie deßhalb, jene Summe von mir anzu-
nehmen, da mein Mann Ihnen dieselbe doch jedenfalls auch
vorgestrcckt hätte, wenn er zu Hause gewesen wäre."

Beutelfeld stellte sich zwar ganz beschämt von der Güte
der Frau Schncidermeisterin, auch machte er einige, wiewohl
sehr schwache Versuche, daS liebenswürdige Anerbieten zurück-
zuweisen, allein Frau Sperling, welche den Kassenschlüsscl

stets in Verwahrung hatte, nöthigte den jungen Mann fast
mit Gewalt, die zwanzig Thaler als Darlehen anzunehmen.

Deutclfeldö Dank war jetzt wirklich ein aufrichtiger, viel
weniger Glauben verdiente dagegen sein Versprechen, in weni-
gen Tagen das Geld zurückzubringen, denn der Breslauer
Onkel sammt seinen Geldbriefen gehörten der Fabelwelt an.

So trennten sich nun die beiden Personen, die vollkom-
men zufrieden mit einander gewesen waren, denn Bcutelfeld
mußte sich sagen, daß er noch nie eine leichtgläubigere Seele
gefunden habe, als die der ehrsamen Frau Schncidermeisterin,
und Frau Sperling hätte dagegen schwören mögen, daß auf
der ganzen Welt nicht ein volles Dutzend so liebenswür-
diger junger Männer cristire, wie sie in Bcutelfeld eben einen
Einzigen kennen gelernt habe.

Die betrübte Miene, welche der junge Borgvirtuose sich

zu borgen.

noch vor wenig Augenblicken so täuschend zu geben wußte,
war ganz verschwunden, als er erst auf der Straße anlangte.
Die zwanzig blanken Thaler klangen so lieblich in seiner
Tasche; eine Musik, die seit langen Zeiten nicht mehr sein
Ohr erfreut hatte. Dieser herrliche Klang war so verführerisch/
daß Beutelfeld schon überlegte: ob es nicht bester sei, den
cingeschlosicuen Schneidermeister ganz gemächlich bis zur Nacht
fitzen zu lassen und vorher einiges von dem Gclde dem Ver-
gnügen zu weihen. Bald aber besann sich der vergnügte junge
Mann wenigstens beziehentlich des Schneiders eines Andern-

Beutelfeld' eilte also wirklich geraden Weges nach Hause.
Vor der Thüre seines Zimmers angekommcn, lauschte er eine
Weile, aber drinnen war Alles still. Ein entsetzlicher Ge-
danke durchfuhr den jungen Mann: sollte Sperling etwa aus
Verzweiflung zum Fenster hinaus und in den Hof hinab ge-
sprungen sein? Doch nein! Bei einer Höhe von vier Stock-
werken ist ein solcher Sprung doch zu gewagt und davon-
geflogen konnte Sperling trotz seines geflügelten Namens wohl
auch nicht sein, da überhaupt dieses Kunststück seit den ver-
unglückten Flugversuchen des Schneiders von Ulm von
den edlen Genossen der Kleidermacherzunft als unausführbar
bei Seite gelegt worden ist. Bcutelfeld öffnete die Thüre und
zu seiner Beruhigung fand er Sperling wohlbehalten dasitzcn;
er hatte blos den vergeblichen Anstrengungen zur Erlangung
seiner Freiheit die Stille der gezwungenen Resignation folgen
lasten. Jetzt aber, als der Gefangene seinen Peiniger erblickte,
hatte jene Ruhe ein Ende und Sperling ergoß eine wahre
Fluth von Vorwürfen auf Beutelfeld'ö schuld- und schulden-
beladenes Haupt.

„Aber, guter Mann, so ereifern Sie sich doch nicht un-
nöthig," versuchte Beutelfeld Jenen zu besänftigen. „Wenn
ich auch vielleicht länger geblieben bin, als ich selbst wollte,
so liegt die Schuld nicht an mir, denn der gute, brave Freund,
den ich aufsuchtc, war nicht zu Hause."

„Dacht' ich's doch! Nichts als Lügen und Schlechtig-
keiten gehen von Ihnen aus," polterte immer aufgebrachter
Sperling.

„Nur gemach und vor Allem: keine Beleidigungen!"
drohte Beutelfeld. „Ich werde Ihnen beweisen, wie sehr Sie
mich verkennen, denn ich bringe allerdings Geld für Sie mit!"

Diese Versicherung stimmte den Schneidermeister vollstän-
dig um; er vergaß seine ausgestandene Haft und ein Lächeln
der Freude flog über sein Antlitz.

„Leider bin ich nicht im Stande, Sic sogleich vollstän-
dig zu befriedigen," fuhr Beutelfeld fort.

Sperling büßte bei diesen Worten schon wieder einen
guten Theil seines fröhlichen Aussehens ein.

„Aber mit einer Abschlagszahlung von zehn Thalcrn
werden Sic sich wohl vorläufig begnügen," endete der junge
Mann seinen Satz.

„Nein! nein! Das ganze Geld, was Sie mir für den
Frack schuldig sind, will ich haben! Lange genug warte ich
schon darauf," tobte Sperling, der jetzt wieder durch Energie
imponircn tvollte. Allein dieses Mittel schlug gänzlich fehle

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Die Kunst, zu borgen"
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Fliegende Blätter
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Grafik

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Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Mann <Motiv>
Freundlichkeit
Täuschung
Gespräch <Motiv>
Schläue
Finanzielle Hilfe
Karikatur
Frau <Motiv>
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Reproduktionstyp
Digitales Bild
Rechtsstatus
Public Domain Mark 1.0
Creditline
Fliegende Blätter, 47.1867, Nr. 1165, S. 146
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