Fliegende Blätter — 47.1867 (Nr. 1147-1172)

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Bestellungen ivcrben in allen Buch- unb Kunst -

Seit Sperlings Geschäftseröffnung war jetzt schon ein
ganzes Jahr vergangen und somit feierte auch Beutelfeld s
Leibrvck (der ebenso gut auch noch Sperling gehörte, nur
daß dieser ihn nicht mehr besaß) seinen ersten Geburtstag.
Allein während der erste Jahrestag der Geburt bei den
Menschenkindern ein Freudenfest ist, an welchem man sich
über die Zunahme und erlangte Vollkommenheit des kleinen
Weltbürgers freut, so ist das bei einem psrack und zumal

einem solchen, den ein Mann wie Beutelfeld Tag für Tag nicht
abgelegt hat — eine ganz andere Sache. Beutelfcld ö Leibrock
hatte in diesem einen Jahre schon das Ansehen eines hin-
fälligen Alten erlangt und ein zweites Jahr ließ seine gänz-
iiche Auflösung mit erschütternder Gewißheit voraussetzen.
Deutelfeld beschäftigte sich sogar bereits mit vorbereitenden
Plänen, welche die kostenlose Erwerbung eines ähnlichen, aber
"eucn Kleidungsstückes zum Zweck hatten, da zwischen seinem
alten Frack und dem neuen aus Sperlings Atelier unter-
scheidende Merkmale kaum mehr, dagegen die überraschenden
Ähnlichkeiten der Altersschwäche in Menge zu finden waren.

Gerade der Jahrestag der GcschäftSeröffnung und des
damit verbunden gewesenen höchst unvortheilhaftcn Leibrvck-
öerkaufeS hatte in Meister Sperling den verzeihlichen Wunsch
"ach Bezahlung auf'S Neue in so heftiger Weise angefacht,
daß er sich schon ganz früh anfmachtc, um einen Anlauf nach
Deutclfeld'S Wohnung zu wagen. Wie gewöhnlich wurde das
Pochen an dcS bösen Schuldners Thüre statt mit einem
freundlichen „Herein" durch ein beharrliches Stillschweigen
beantwortet. Da jedoch Sperling seinen Mann recht gut
kannte und von den Hausgenossen erfahren hatte, daß der
Gesuchte noch daheim sei, so setzte er seine Pochversuche pro-
gressiv erst mit den Fingerknöcheln, dann mit den Fäusten,

Die Kunst, zu borgen!

(Fortsetzung.)

hierauf mit den Füßen und zuletzt mit beiden zugleich, oder
bester: mit allen Vieren — so eindringlich fort, daß endlich
Beutelfeld nach einer guten halben Stunde gähnend an der
Thüre erschien und als er Sperling erblickte, sich höflichst
mit der Versicherung entschuldigte, daß er „ein wenig fest"
geschlafen habe und bat Herrn Sperling, näher zu treten.

„War gestern eine ausgesucht noble Gesellschaft! Su-
perbes Souper! Champagner in Strömen!" berichtete Bcutel-
feld, wiederholt gähnend.

„Wahrscheinlich wieder beim Herrn Grafen Hohcnhcini,"
fragte spöttisch Sperling und warf dabei seine Blicke auf die
Reste eines mehr als bescheidenen Abendbrodcs, welches von
Gestern her noch auf dem Tische Bcutclfeld'S stehen geblie-
! ben war.

„Entschuldigen Sie die Nachlässigkeit meines Dieners,
der die Ucbcrbleibsel seines Mahles wahrscheinlich gestern Abend
wegzuräumen vergaß," sprach Beutelfeld, Sperlings spöttische 1
Blicke bemerkend. „Wie kommen Sie übrigens gerade auf
meinen Freund Graf Hohenheim zu sprechen?"

„Weil Sie gerade heut vor einem Jahre mir erzählten,
daß Sie bei jenem Grafen, von dem ich jedoch jemals weder
etwas gehört noch gesehen, zu einem Souper eingcladcn
waren," cntgegnetc mit stauncnSwcrther Malice Sperling.
„Es war dies übrigens — mit Erlaubniß zu sagen — der-
selbe Tag, an welchem Sie als Herr von Bcutclfeld bei mir
einen Frack kauften, dessen Bezahlung ich heute nach so vielen
Chikancn von Ihrer Seite unbedingt verlange."

„Sicwundern sich über das „von," welches ich meinem
Namen damals, wie Sie zu glauben scheinen, unberechtigt bei-
fügte," rief Beutelfeld, Sperlings Zweck ausweichend; „allein
die Beutclfelds sind ein ganz alter Adel und mehrere Linien

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