Fliegende Blätter — 47.1867 (Nr. 1147-1172)

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Er hat Actien.

^ daß Dir die jetzt immer häufiger werdenden Besuche des Herrn

> Postsekretärs nicht aufsallen, der doch offenbar nur unserer
Tochter wegen kommt, die, wie es scheint, sich sehr glücklich
fühlt in ihm einen Verehrer erhalten zu haben."

„Wenn Du mich so fragst," entgegnete seine Gattin,

; indem sie liebevoll mit der Hand seine faltenreiche Stirn zu

> glätten versuchte, „so sage mir doch auch aufrichtig, was
! hättest Du denn gegen Herrn Wolfram einzuwenden, der, wie
! auch ich glaube, sich um die Liebe unserer Tochter bewirbt,
i Hast Du mir nicht selbst gesagt, daß er Dir von allen Seiten
1 als ein sehr solider und achtbarer junger Mann geschildert

worden ist?!"

„Was ich gegen ihn habe, Martha?" frug ärgerlich
Holm, und wehrte deren Hand ab, die noch auf seiner Stirn
ruhte. „Nichts habe ich gegen ihn, als das, daß er eben
nichts hat als seinen Gehalt. Allen Respect für seinen guten
Nus und seine amtliche Stellung, aber ein vermögensloser
! Beamter kann meine Tochter nicht bekommen!"

„Und doch warst Du es, der ihn eingeladen hat, uns
! zu besuchen," bemerkte hierauf Martha lächelnd.

„So, nun trage ich wohl gar noch die Schuld," pol-
terte Holm, durch diesen Einwand seiner Frau noch ärger-
licher gestimmt. „Ich habe es oft genug bereut, daß ich dies
i gethan, aber ich mußte es der Artigkeit wegen, denn der Herr
Postsekretär hatte sich beim Schützenfeste in der Stadt auf das
Zuvorkommendste um Euch angenommen, als Ihr mich im
j Gedränge verloren hattet, und war nicht eher von Eurer
' Seite gegangen, bis Ihr mich wiedergefunden, brachte sogar
noch den Sonnenschirm, der Dir im tollen Treiben in der
j Festhalle abhanden gekommen, Tags darauf heraus, und da
j konnte ich doch nicht anders, als ihn bitten, uns, wenn
es ihm passe, auf längere Zeit seinen Besuch zu gönnen.
Hätte ich aber gewußt, daß der junge Herr seine Augen zu
unserer Lina erheben, und diese auch sich in ihn vergaffen
würde, da hätte mich sollen der Gukuk reiten, wenn ich ihm
mehr gesagt hätte, als den schuldigen Dank!"

„Also weil er kein Vermögen hat, ist er Dir zuwider?"

! frug forschend Martha. „Weißt Du denn das so genau?"

„O, ich habe mich nach all' seinen Verhältnissen erkun-
! digt," entgegnete Holm. „Seine Eltern sind mittellos und
er ist nur auf seinen Gehalt angewiesen, der wohl seinen
Mann nähren mag; aber für einen anständigen FamilienhauS-
balt dürfte er doch zu knapp bemessen sein und der Mann,
der unsere Lina zur Frau erhält, sei er nun Beamter, Kauf-
mann oder Grundbesitzer, muß nicht gcnöthigt sein, entweder auf
meinen Geldbeutel zu speculircn oder am Hungertuche zu nagen!"

„Aber, Holm! Du hast auch die Tochter einer armen
i Predigcrwittwe gcheirathct und konntest unter den schönsten
und reichsten Mädchen wählen," sprach Martha herzlich ihres
Mannes Hand ergreifend. „Warum soll denn ein zwar un-
vcrmöglichcr, aber braver junger Mann, der eine geachtete
Stellung einnimmt, nicht um unsere Tochter werben dürfen?"

„Mit uns Beiden war das etwas ganz anderes!" rief
Holm und erwiderte den Händedruck Martha's mit einem

weniger mürrischen Gesicht. „Ueberhaupt stört das gar nicht,
wenn die Braut arm und der Bräutigam reich ist, denn dann
weiß sie erst recht, daß er sic nur ihres innern Werthcs we-
gen nimmt, aber die Braut reich und der Bräutigam arm,
da trifft es häufig, daß von zehn armen Liebhabern neun
den reichen Mädchen nur ihres Geldes wegen die Cour machen
und daher will ich, daß die Besuche des Herrn Postsckretärs
hier aufhörcn und habe dies demselben auch in aller Güte
zu verstehen gegeben."

„Du hast doch nicht etwa Wolfram das Haus ver-
boten?" frug fast erschrocken Martha und fuhr, als ihr Mann
etwas verlegen schwieg, in einem ernst drängenden Ton fort:
„Holm, sei offen und antworte mir ehrlich: Ist es heute in
der Stadt zwischen Dir und Wolfram zu einer Erklärung
gekommen?"

„Nun ja, ich habe mit ihm gesprochen, und hätte Dir
dies auch nicht länger verschwiegen," entgegnete Holm etwas
zögernd. „Ich hatte auf der Post Briefe abgegeben, nnd als
ich mich von dort entfernte, kam Wolfram aus seiner Expe-
dition, um zu Tisch zu gehen und begleitete mich ein Stück
Weges, stotterte etwas von Verehrung gegen uns und von
Liebe zu unserer Tochter, auf deren Zuneigung auch er bauen
zu dürfen glaube, und noch mehr dergleichen, bis er zuletzt
mit der Bitte herausrückte, ihm zu gestatten, daß er nächsten
Sonntag zu uns herauökommcn dürfe, um bei uns Beiden
um die Hand unserer Tochter anzuhalten."

„Und was hast Du darauf geantwortet?" frug Martha
gespannt.

„Hm! Diese Mittheilung kam mir gar nicht gelegen,"
fuhr Holm fort, „und aus Aergcr darüber, daß der Herr
Postsekretär hinter meinem Rücken mit meiner Tochter ein
Liebesverhältniß angeknüpft, entgegnete ich ihm etwas kurz
aber höflich, daß ich bereits schon über die Hand meiner Toch-
ter verfügt und er daher etwas zu spät komme, und daß er
die jetzt gewiß noch nicht tiefer wurzelnde Leidenschaft um so
leichter bekämpfen würde, wenn er vor der Hand seine Be-
suche bei uns einstcllte."

„Und das konntest Du thun, ohne mich zu fragen, die
ich als Mutter doch auch eine Stimme dabei habe?" frug
Martha vorwurfsvoll. „Holm, daö war hart gegen Wolf-
ram, gegen mich und gegen deine Tochter."

„Aber Frau, soll denn so ein armer Schlucker unser ein-
ziges Kind uns wegsischen?" rief Holm durch die Vorwürfe
seiner Gattin noch mürrischer gestimmt, in seinem Innern
aber bei der ihm angebornen Gutherzigkeit im Stillen fast be-
reuend, daß er den jungen Mann so hoffnungslos entlassen
hatte, dagegen aber als reicher Grundbesitzer es unverträglich
fand, einen unbemittelten Schwiegersohn zu erhalten, da er
einen solchen viel lieber unter den Söhnen der reichen Ritter-
gutsbesitzer der Provinz gesucht hätte.

„Du würdest unsere einzige Tochter also lieber einem
reichen Manne geben, wenn sie auch zeitlebens sich unglück-
lich fühlte?" frug Martha bitter.

„Ach was! Unglücklich wird sic deßhalb nicht, wenn
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