Fliegende Blätter — 47.1867 (Nr. 1147-1172)

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Er hat

Wiedervereinigung seufzendes Liebespaar sollte diese General-
versammlung von hoher Bedeutung werden, und all die Wirren
lösen, die dadurch in dem Holmschen Familienleben entstanden
waren.

Am Vormittage des zur Abhaltung der Generalversamm-
lung bestimmten Tages saß der Postsecretär trübselig in seinem
Arbeitscabinet und war eben im Begriff mit seiner Arbeit ab-
zuschließen, denn er hatte heute seinen freien Nachmittag, der
ihm nur alle drei Wochen vergönnt war. Seufzend gedachte
Wolfram der glücklichen Zeit, wo er seine freien Stunden
auf dem nahen Holmschen Gute in der Nähe der Geliebten
zugebracht hatte, und wollte eben die Schlüssel von seinem
Pulte abziehen, als sich der Oberpostcommissär ihm näherte
und ihn frug:

„Sie haben ja wohl heute Ihren freien Nachmittag,
Herr Sccrctär? Haben Sie etwas Besonderes vor?"

„Nein, Herr Oberpostcommissär."

„Dann würde ich Sie um eine Gefälligkeit ersuchen.
Heute ist, wie Sie wiffen, Generalversammlung der Actionäre
unserer Bahn, ich gehöre zu diesen, bin durch dringende Amts-
geschäfle abgehalten der Versammlung beizuwohnen, möchte
aber doch meine Stimme für Abtretung der Bahn an den
Staat nicht verloren gehen lasten. Ich ersuche Sie daher,
in meinem Sinne dort mit abzustimmen und händige Ihnen
zwei Actienscheine ein, vielleicht haben Sie Gelegenheit, noch
einen Ihrer Freunde zu bewegen, einen der Actienscheine an-
zunehmen und in gleicher Weise mit abzustimmcn."

Nach diesen Worten übergab der Obcrpostcommissär den
durch diesen Auftrag eben nicht sehr erfreuten Postsecretär zwei
Acticn, dankte nochmals freundlichst und entfernte sich.

Wolfram aber, der heute Nachmittag weit lieber hinaus
in die freie Natur geeilt wäre, als in ein von einer ihm
vielleicht zum großen Theile unbekannten Menschcnmaffe an-
gefülltes Versammlungslocal, verließ das Postgebäude voll
stillen Grolles und schritt seiner Wohnung zu.

Aber ehe er diese erreicht hatte, hielt ihn einer seiner
vertrautesten Freunde, der Hauptzoll- und Steueramtsaffistent
Wilke, ein stets heiterer und lebenslustiger junger Mann
mit den Worten fest:

„Postsecretär, Du kommst mir wie gerufen! Du mußt
eine Commission für mich übernehmen."

„DaS wird wohl nicht gehen!" entgegnete Wolfram kurz.

„O ja, es geht, wenn Du nur willst, und ich weiß, Du
schlägst es mir nicht ab, denn Du hast ja heute Deinen freien
Nachmittag, wie Du mir noch gestern gesagt," fuhr Wilke
fort. „Sich, da hat mir mein Oukel der Canzleirath drei
Stück Eisenbahn-Acticn zugeschickt, die soll ich bei meinen
Freunden unterzubringen suchen, und dafür Sorge tragen, daß
diese für Abtretung der Bahn an den Staat abstimmen."

„Denselben Auftrag habe ich auch, und kann Dir daher
nicht dienen," unterbrach ihn der Postsecretär.

„Nun, dann mußt Du doch ohnedem hingehcn," rief
Wilke und zog ein kleines Paquet aus der Tasche. „Also,
! Freund, hier sind die Acticn, kannst Du sie nicht unterbringen,

Actien.

nun dann ist es auch kein Unglück und es wird wohl auf
die paar Stimmen mehr oder weniger nicht ankommen. Ich
aber muß jetzt zu meiner Braut, um sie zu einer Landpartie
abzuholen, und das geht vor!"

Nach diesen Worten drückte er das die Actien enthaltende
Paguet Wolfram in die Hände, ohne dessen Widerspruch ab-
zuwarten, und rief, indem er sich eilig entfernte: „Besten Dank!"

„Der Glückliche!" seufzte Wolfram und schritt mit den
von zwei Seiten erhaltenen Acticn seiner Wohnung zu.

Die Bemühungen des Postsecretärs, seine überzähligen
Actien noch vor Beginn der Versammlung an befreundete
Männer unterzubringen, waren ohne Resultat geblieben und
mißmuthig betrat derselbe daher den Versammlungssaal, wo
er sich in eine Ecke nahe der Eingangsthüre lehnte, um
dort die Abstimmung abzuwarten. Aber er blieb nicht un-
bemerkt. Ein Actionär hatte ihn von seinem Eintritte an
fest im Auge behalten, und schien überrascht zu sein, ihn hier
zu finden. Dieser Actionär war der Gutsbesitzer Holm, welcher
seit Kurzem im Stillen ohnedem schon günstiger für ihn ge-
stimmt war und ihn nun als Actionär in einem noch weit
vortheilhafteren Lichte erblickte.

„Also er ist doch nicht so ganz xauvre? Hm! das läßt
sich hören!" sprach Holm still für sich. „Ob ich den Mei- I
nigen wohl einen Streich spiele!" fuhr er in seinem Selbst-
gespräch fort, und wie von einem glücklichen Gedanken erfaßt,
suchte er sich nach Wolfram Bahn zu brechen, und stand
plötzlich vor dem Postsecretär, der bei dem unerwarteten An-
blick Holms so heftig erschrack, daß er seine Actien fallen ließ,
die er eben in der Hand gehalten und durchgezählt hatte.

Holm aber grüßte ihn freundlich und half ihm sogar
die hcruntergefallenen Scheine wieder aufheben, wobei er
zugleich die ihm erfreuliche Bemerkung machte, daß der Herr
Postsecretär fünf Stück Eiscnbahnacticn besitze, und daß dies
schon ein kleines Vermögen zu nennen sei; und als der An-
fangs ihm verlegen gegenüberstehende Postsecretär ihm für
seine Bemühung dankte, dann aber in Erinnerung an die
durch denselben erlittene Kränkung sich finstern Blickes von
ihm abwendcn wollte, begann Holm in einem ganz vertrau-
lichen Tone, als wäre nicht das geringste Unangenehme zwischen
Beiden vorgefallen:

„Ei, Herr Postsecretär, Sie auch hier? das freut mich!
Wir haben unö lange nicht gesehen, meine Frau und Tochter
lassen freundlichst grüßen, und wenn es Ihnen nächsten Sonn-
tag paßt und Sie nichts Wichtigeres Vorhaben, so hoffe ich
Sie bei uns zu sehen! Mein Wagen soll vor zwölf Uhr
Mittag auf dem Postplatze halten!"

„Aber Herr Friedensrichter, ich verstehe Sie nicht!" rief
Wolfram erstaunt über dies unerwartet freundliche Entgegen-
kommen, diesen starr anblickend. „Sie scheinen vergessen zu
haben," setzte er grollend hinzu, „daß Sie mir vor wenigen
Wochen Ihr Haus verboten haben!"

„Dummes Zeug!" entgegnete Holm, unter Lachen seine
Verlegenheit bei diesem Vorwürfe verbergend. „Das muß ein
Mißverständniß gewesen sein, oder ich habe Ihnen im Scherz
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