Fliegende Blätter — 47.1867 (Nr. 1147-1172)

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Gcsch ichtcn aus der Ukräne.

mir da aus dem Spiegel cntgegengrinst —- ich will den mor-
gigen Tag nicht erleben, wenn ich lüge! — Das erste Mal
in meinem Leben hatte ich mir den Schnurrbart abgeschnitten
! — besser ich hätte diesen Tag nie erlebt! Hätte ich gewußt,
daß ich ein solches Ungeheuer, eine solche Mißgeburt würde,
so hätte ich — Gott straf mich — den Schnurrbart nicht
abgenommen und wenn man mich vor zehn Gerichte gestellt
und mit allen Foltern geschreckt hätte! Und Wem brachte cs
irgend einen Nutzen, daß ich jetzt keinen Schnurrbart mehr
hatte? — Wen hat er gehindert zu essen, zu trinken oder,
wie man zu sagen pflegt, der Wahrheit und dem Rechte zu
dienen? . . . Wie sollte ich mich jetzt meiner Frau zeigen?
Wie Maria Wlaßownja vor die Augen treten? . . . Ach
Gott, da fielen mir die Tage meiner Jugend ein: Wie man-
ches schöne Mädchen hat beim Anblick meines (nun seligen)
Schnurrbarts das Mündchen zum Kusse gespitzt, wie manches
ihn gestreichelt und geküßt! . . . Ach, der Kummer drückte
mir das Herz ab . . . heiße Thräncn fielen aus meinen
Augen . . . Ich glaube, wenn mir mein ältester Sohn ge-
storben wäre, ich hätte nicht bitterlicher weinen können . . .
„Barmherziger Vater im Himmel!" stöhnte ich und schlug
mir mit der Faust auf die Brust — „wofür hast Du mich
so schwer gestraft?"

In P. hatte ich augenblicklich nichts mchr zu thun, denn
erst in einer Woche sollte ich in's Amt eintretcn, ich fuhr
also nach Hause.

Sonst, wenn ich dahin zurückkchrtc, konnte ich dem
Kutscher nicht oft genug: „Vorwärts! Rascher!" zurufcn.
Jetzt saß ich wie ein zum Tode verurtheilter Verbrecher in
der äußersten Ecke des Wagens zusammengekauert da und
sprach kein Wort, außer daß ich den Kutscher, wenn er etwas
schnell fuhr, ermahnte: „Treibe die Pferde nicht so an —
Du übcrjagst sie!"

Es lag mir daran, erst nach Einbruch der Nacht zu
Hause anzulangen, denn — im Vertrauen gesagt — meine
Frau war in interestantcn Umständen und so hatte ich Furcht,
daß sie, wenn sie mich ohne Vorbereitung jetzt erblickte, er-
schrecken könnte und — Gott bewahre uns! — gar einen
kleinen Adam Jwanowitsch Frick zur Welt brächte.

Ich erreichte also richtig mein Gehöft, als cs schon
ganz dunkel war; im Hause brannte kein Licht mehr. Ich
stieg langsam vom Wagen, da kamen die Hunde mit lautem
Gebell auf inich losgestürzt. „Bestien!" rufe ich ihnen zu,
„kennt ihr enren Herrn und Meister nicht?" und will sie
streicheln, aber sie knurren mich giftig an und wollen sich
nicht beruhigen.

Leise trat ich in's Haus — Alles kommt mir so ver-
ändert vor, daß ich, bei Gott! ängstlich werde, als wäre ich
eS nicht und das nicht mein Haus . . . Durch das Bellen
der Hunde war meine Frau aufgewacht; als ich in's Zimmer
komme, ruft sie: „Wer ist da?"

„Ich bin's," antworte ich.

„Wen bellen denn die Hunde so an?"

„Ich weiß nicht."

„Sieh' doch nach, es könnten Diebe sein!"

Sonst war es meine Gewohnheit, wenn ich nach Hause
zurückkehrte, mochte es auch tief in der Nacht sein, Alles um
mich zu versammeln: ich küßte meine Frau, spielte mit den
Kindern, schäckerte selbst mit Oprischka, der Kinderwärterin.
Jetzt aber schlich ich mich wie ein Dieb hinein und wußte
nicht, wie ich den Fuß setzen sollte. Ich nähere mich dem
Bette, meine Frau streckt mir die Arme entgegen, um mich
zu umhalsen und zu küssen, wie wir das gewohnt waren-
Kaum hat sie mich aber umfaßt und ihren Mund dem mci-
nigen genähert, als sie aufschreit: „Wer ist das?"

Und sie fährt mir mit der Hand über die Lippen und
erhebt von Neuem ein Jammergeschrei:

„Räuber! Mörder! Zu Hilfe! Oprischka! Licht!"

Ich will sie beruhigen, aber vergebens, sie hört nicht
und wehrt mich mit Händen und Füßen von sich ab, „tritt
mir nicht nahe! fort von mir!" schreiend.

Zum Tode erschreckt fahren alle Kinder weinend auö
dem Schlafe auf, bald ist auch Oprischka mit Licht da. Sie
und meine Frau eilen auf mich zu, leuchten mir in's Ge-
sicht, und scheu mich an: ich scheine es ihnen zu sein, aber
ich bin cs auch nicht — es fehlt ja der Schnurrbart.

„Was ist das denn mit Dir?" fragt meine Frau end-
lich. „Lebst Du, Lieber, oder bist Du todt?" und sie er-
bleicht wie die Wand und zittert wie im Fiebcrfrost.

„Das ist ja eben das Unglück, daß ich lebe!" stöhne ich.

„Aber was hast Du gethan, Unglücklicher?" ruft sie.

„Du hast'S ja so gewollt," sagte ich. „Jetzt werde ich
keine Albernheiten mehr treiben, noch mit Maria Wlaßownja
.Mariage spielen."

„Warum hast Du Dir den Bart abgenommen?"

„Ich stehe jetzt im Civilbienst — sagt die Ercellenz
und habe daher die Befugniß nicht mehr einen Schnurrbart
zu tragen," antwortete ich dumpf.

„Er ist betrunken oder — ja so ist's, Gott steh' uns ;
bei! Er hgt den Verstand verloren!" jammert meine Frau
in Thräncn ausbrechend, zerrauft sich das Haar und schlägt
sich auf die Brust. Das hören und sehen die Kinder und
sangen ebenfalls zu heulen an, und Oprischka stimmt mit
ein, und nun fangen auch die Hunde draußen wieder an zu !
bellen und zu wüthen — kurz, es scheint, als wollte die
Welt untergchcn. Ich weiß nicht, was ich thun soll; ich
möchte aus dem Hause fort, aus dem Orte, aus der Welt!

So wurde die ganze Nacht gejammert und geweint und
ich saß im Winkel und greinte mit. Dabei kniff ich mir die
Oberlippe fast blutig; so oft, wie ich mir nämlich den Bart
drehen wollte, faßte ich an die Lippe und ritzte mir die Haut.

Als der Tag anbrach, überfiel mich eine solche Angst '
und Beklemmung, daß ich mich am liebsten hätte begrabe»
lassen. Die Frau weint, die Kinder wenden sich scheu vo»
mir ab und wenn ich einem Diener ctwaö befehle, zuckt er
mitleidig die Achseln und geht fort; selbst mein Lieblingshund
will nichts von mir wissen. Bald fanden sich auch die Nach'
baren ein und kam auch Maria Wlaßownja — ich ziehe
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