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Miller, Alexandra von; Kerschner, Michael; Betina, Lisa
Archaische Siedlungsbefunde in Ephesos: Stratigrafie, Bauphasen, Keramik und Kleinfunde aus den Grabungen unter der Tetragonos Agora : archaische Keramikfunde aus dem Theater und von den nordwestlichen Ausläufern des Panayirdağ (Band 13,3: Textband): Textband — Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2019

DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.51985#0422
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3.C Die Siedlungskeramik als Reflex der kulturellen und wirtschaftsgeschichtlichen Prägung 42 1
3.C DIE SIEDLUNGSKERAMIK ALS REFLEX DER KULTURELLEN UND WIRT-
SCHAFTSGESCHICHTLICHEN PRÄGUNG DES ARCHAISCHEN EPHESOS:
ZUSAMMENFASSENDE DARSTELLUNG UNDAUSBLICK
Die Diskussion der archaischen Siedlungskeramik nach ihren typologischen und chronologischen
Indikatoren bildet eine wichtige Grundlage für die Frage der Anbindung der Agora-Siedlung
und allgemein des archaischen Ephesos an das restliche Ionien und an den weiteren Ägäisraum.
Betrachten wir zunächst die archaischen Siedlungsbefunde unter der Tetragonos Agora, so
zeigen diese in ihrem keramischen Repertoire die feste Verankerung von Ephesos im ionischen
Kulturraum. In der ausgewogenen, wenn auch nach Waren und Gattungen diachron unterschied-
lich gelagerten Rezeption sowohl nordionischer als auch südionischer Traditionen ist ein für das
ephesische Keramikinventar archaischer Zeit sehr spezifisches Merkmal gegeben, das anderen
ionischen Fundplätzen in dieser Ausprägung nicht zu eigen ist. Einzig bei Fundorten mit kolo-
nialem Hintergrund kommt neben der geografisch bestimmten Außenorientierung ein diesen
Rahmen sprengendes kulturhistorisches Element im Gefäßrepertoire stärker zum Tragen, woraus
sich eine mit Ephesos vergleichbare heterogene Zusammensetzung der Fundensembles ergibt.
In den ephesischen Siedlungsbefunden stehen seit dem frühen 7. Jahrhundert typisch nord-
ionische neben typisch südionischen Gefäßtypen. Mit den Herkunftsgruppen B und J sind dabei
prominente und offenbar exportorientierte Produktionszentren (Vogelschalenwerkstatt, Samos)
mit ihren Erzeugnissen in Ephesos gut vertreten. Daneben zeugen die Trinkgefäße der Herkunfts-
gruppen I, H und möglicherweise auch M von einer regen lokalen oder regionalen ephesischen
Keramikproduktion, die einerseits die Form der nordionischen Randfalzkotylen aufgreift und sich
andererseits mit einer etablierten Produktion von Tassen und Knickrandschalen dem südionischen
Formenkanon anschließt. Außerdem gehört Ephesos gemeinsam mit Samos zu den bislang maß-
geblichsten Herstellern der Zickzackmetopenkotylen, die in dieser adaptiven Kombination von
Form- und Dekormerkmalen zum vielleicht repräsentativsten Exponenten für den heterogenen
Charakter des ephesischen Keramikensembles werden. Mit keiner anderen Gefäßform wird der
Reflex nordionischer und südionischer Traditionen als ephesisches Lokalspezifikum deutlicher.
In diesem Nebeneinander wird seit dem ausgehenden 7. Jahrhundert im Warenspektrum eine
Differenzierung der Präferenzen bemerkbar. Während in den AG Phasen I, II und III für die
Fragestellung der regionalen Anbindung von Ephesos primär die Trinkgefäße eine Rolle spielen
und sich hier ein ausgewogenes Verhältnis abzeichnet (Diagramm 76. 83), wird beginnend mit
der AG Phase Illb die bemalte Feinkeramik mit orientalisierendem Dekor zum zweiten Indika-
tor. Erst in den Siedlungsbefunden des 6. Jahrhunderts etabliert sich innerhalb der Trinkgefäße
eine Vorrangstellung der südionischen Knickrandschalen (Diagramm 90). Die synchron datierte
bemalte Feinkeramik zeichnet mit einer deutlichen Hinwendung zu der nordionischen Produkti-
onsregion hingegen ein anderes Bild1617, das sich im Bereich des nordwestlichen Ausläufers des
Panayirdag auch im Repertoire der Trinkgefäße bestätigt findet. Bemerkenswert ist außerdem das
weitgehende Fehlen der Fikelluraware, das als ein allgemeines Merkmal des ephesischen Waren-
repertoires zu gelten hat, während nordionisch-schwarzfigurige Gefäße besser vertreten sind.
Damit zeigt sich das archaische Ephesos im Bereich der Feinkeramik einmal mehr an einer
Schnittstelle zwischen südionischen und nordionischen Keramiktraditionen, ohne dass eine ein-
deutige Hinwendung zu einer der beiden Produktionsregionen evident würde; vielmehr zeichnen
sich bei verschiedenen Gefäß- und Warengruppen unterschiedliche Vorlieben ab, die auch inner-
halb der untersuchten Fundstellen voneinander abweichen. Inwiefern im archaischen Materialbe-
stand insgesamt Ephesos selbst als Produktionszentrum in Erscheinung tritt, ob dabei ebenfalls
eine schwerpunktmäßige Hinwendung zu nord- oder zu südionischen Traditionen abzulesen sein
wird, wie sie im Form- und Dekorspektrum sichtbar werden, und ob sich in diesem Zusammen-
hang erneut chronologische und topografische Unterschiede ergeben, sollten weiterführende

1617 Vgl. dazu die ähnliche Situation am ostgriechischen Anteil in der materiellen Kultur auch auf Sizilen, die bei
Kerschner 2000, bes. 487 zusammenfassend dargelegt ist.
 
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