Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern [Editor]; Württembergischer Altertumsverein [Editor]; Württembergischer Anthropologischer Verein [Editor]; Württembergischer Geschichts- und Altertumsverein [Editor]
Fundberichte aus Schwaben — N.F. 3.1926

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Diluvial- und Alluvialfloren aus Oberschwaben.
Von Karl Bertsch in Ravensburg,
In den letzten J ähren habe ich eine Reihe von Aufschlüssen mit fossilen
Pflanzenresten aus den jüngeren Erdschichten Oberschwabens untersucht,
die auch für die Vorgeschichte bemerkenswert sind. Gern folge ich darum
der Einladung des Herausgebers, Herrn Prof. Dr. Goessler, der durch seine
Unterstützung diese Untersuchungen ganz wesentlich gefördert hat, hier
die wichtigeren Ergebnisse zusammenzustellen.
Ein solcher Bericht muß hauptsächlich fünf Punkte umfassen: die
Interglazialflora vom Karrestobel, die Flora zur Zeit der Schussenrieder
Renntierjäger, die postglaziale Waldentwicklung, die neolithische Flora
und die hallstattzeitliche Flora.
1. In der engen Waldschlucht des Karrestobel hinter Sulpach
OA. Ravensburg hat ein Quellbach des Oberen Bampfen die Jungmoräne
bis auf die Schieferkohlen und die Tone der Riß-Würm-Interglazialzeit
durchschnitten. Hier fanden sich die Reste von 60 Pflanzenarten, darunter
Eiche, Weißbuche, Finde, Schwarzerle, Birke, Fichte und Kiefer, Schwarz-
weide, Haselnuß, Zwergholunder und Eiguster. Drei Arten fehlen heute
in Württemberg: magere Segge (Carex strigosa), nordisches Erdglöcklein
(Einnaea borealis) und gefärbtes Eaichkraut (Potamogeton coloratus). Das
Klima war nach dem Zeugnis dieser Pflanzen ebenso warm wie heutzutage,
hatte aber einen etwas mehr ozeanischen Charakter.
2. Pflanzenreste der nachfolgenden Würm-Eiszeit erhielten sich im
Jägerlager an der Schüssen quelle, deren zahlreiche Artefakte und
Knochen in eine dichte Moosschichte eingebettet waren. Die angeblich
arktischen Moose haben sich als g a n z g e w ö h n 1 i c h e mittel-
europäische Arten entpuppt, die heutzutage noch in Oberschwaben
vorkommen, die aber auch hoch in die polaren Eänder hinaufgehen: das
Riesen-Schönmoos (Calliergon giganteum), das gekrümmte und das flutende
Sichelmoos (Drepanocladus aduncus und fluitans). Aber eine sorgfältige
Durchmusterung dieser Moosrasen ergab, daß sie, die sonst den Blütenstaub
der Waldbäume ganz vortrefflich konservieren, fast völlig frei sind von
Blütenstaub. Nur 3 Pollenkörner der Kiefer und 1 von Birke oder Haselnuß
kamen während einer langwierigen, genauen Prüfung zum Vorschein. Wahr-
scheinlich waren sie zufällig vom Wind aus weiter Entfernung herbeigeweht
worden. Zur Zeit der Ablagerung dieser- Moose wurde in Oberschwaben
selbst kein Blütenstaub erzeugt. Baumlose, öde Tundra deckte das Fand
um den Federsee, wo Herden von Renntieren und Wildpferden und vielleicht
auch von Moschusochsen weideten und Bär und Wolf, Vielfraß und Eis-
fuchs jagten. Nasse Mooswiesen dehnten sich aus mit einem lückenhaften
Bestand von Wollgräsern und Seggen. Die Bodenerhebungen deckten arktisch-
alpine Weiden und Zwerggesträuche: Polarweide (Salix polaris), Netzweide
(Salix reticulata), Waldsteinsche Bäumche h weide (Salix Waldsteiniana),
Silberwurz (Dryas octopetala) und Zwergbirke (Betula nana). Die flachen
Tümpel aber beherbergten weniger empfindliche Wasserpflanzen, wie Eaich-
kraut, Tausendblatt und Wasserhahnenfuß. Das Klima war arktisch ge-
worden. Das Jägerlager selbst war also noch vor Abschluß der eigentlichen
Würm-Eiszeit errichtet worden, in der Zeit vom Rückzug des Gletschers
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