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Kirche, der Gelehrten gegen die Gelehrsamkeit, der An-
kläger gegen die Zucht. Die Lehre sei rein geblieben, aber
ihr Wesen, die Tat und das Leben entsprächen ihr nicht. Man
rang nach Ruhe im Herzen und Freudigkeit in einem sicheren
Gewissen. Denn wo diese herrscht, da ist wahre Lust, wahres
Wohlleben, wahre Gemütstiefe: nicht umsonst war die
Mystik in das Luthertum neu eingezogen, das heißt jene Ver-
tiefung der Gläubigen in sich selbst, deren Stärke im Ab-
schließen von der Welt, im inneren Gottesdienst liegt — auch
dieses ein Angriff auf die Kirche, vor allem aber auf das
Wirken in ihr, auf die Liebestätigkeit. Man sah in der
Mystik eine fromme Selbstsucht, eine Selbstverleugnung,
die zur Selbstbefriedigung führe, eine Zerknirschtheit, deren
Ende der Verzicht auf ein Gemeinleben ist. Man erkannte,
daß die Sinnesart des Thomas a Kempis im Mönchtum seine
beste Verwirklichung finde, in jenem, das in der Selbst-
heiligung das Ziel erblickte, einer Seelenruhe, die sich in
die Zelle verschließt, ohne Streben, andern in christlicher
Liebe zu dienen.

Man hat das Zeitalter, in dem August lebte, als frivol
bezeichnet und einer beschränkten — ich vermeide das
Fremdwort bornierten — Rechtgläubigkeit eine mucke-
rische, devote, nicht minder beschränkte Frömmigkeit ent-
gegengestellt. Frivol heißt leichtfertig, nichtig, eitel. Ich
glaube, solche Darstellung der Zeit könnte man frivol
nennen: es war eine schwerlebige Zeit voll tiefer Erschütte-
rungen im Kampf um geistiges Gut und im Gegensatz dazu
voll heftig vordrängender Lebenslust.

Der Teufel

Durch die Rechtsanschauung, daß nicht die Kirche, sondern
der Staat die Aufsicht über die äußeren Kirchenangelegen-
heiten auf sich zu nehmen habe, fiel diesem das Strafrecht auch
bei kirchlichen Vergehen zu, soweit diese nicht unmittelbar

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