Kissling, Hermann ; Stadtarchiv <Schwäbisch Gmünd> [Editor]
Künstler und Handwerker in Schwäbisch Gmünd 1300 - 1650 — Schwäbisch Gmünd, 1995

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Das Thema - Inhalte, Probleme, Erfahrungen

Alles brachte ein fruchtbarer Anstoß in Gang, ein Au-
genblick des Unmuts: Der Gmünder Kunst zugetan
immer wieder Namen und Daten nachschlagen, aus ver-
streuten Schriften sie herbeisuchen, über widerspre-
chende Aussagen dem Authentischen Geltung verschaf-
fen zu müssen, all diese Mühen empfand der Schreiber
eines Tages lästig, widersprach es doch einer ökonomi-
schen Arbeitsweise. Es begann die systematische
Durchsicht der Literatur und Quellen, die Bergung der
Funde im Zettelkasten. Das liegt drei Jahrzehnte zu-
rück. In den letzten Jahren, nach getaner Berufsarbeit,
wuchs die Sammlung endlich zu dem heran, was hier
vor Augen ist.
Nicht nur Neugier, auch nicht nur der Wunsch, mehr als
die Vorgänger wissen zu wollen, waren Motor der Ar-
beit. Ihn hielt auch die immer gültige Menschheitser-
fahrung am laufen, daß Beute machen - und die Jagd
nach Namen und Fakten in alten Handschriften ver-
spricht solchen Gewinn - immer noch Anlaß gibt, uns
handeln zu lassen. Anonymität läßt gleichgültig, ent-
deckte Identität deckt Leben auf, weckt Anteilnahme,
beflügelt die Forschung. Als Justinus Kerner 1816 den
Zeitblom-Altar auf dem Heerberg bei Laufen am Ko-
cher auffand und davon Kunde gab, begannen die Lieb-
haber altdeutscher Malerei dem Ulmer Maler Kränze zu
flechten. Ähnliches bewirkte 1964 die Aufdeckung des
Bildhauernamens Niklaus Weckmann an einer Ritterfi-
gur von Neufra, ja noch mehr. Ausgehend von dem
freigelegten Namen stimulierte es eine ganze Gruppe
von Wissenschaftlern, ein neues Bild der Ulmer
Schnitzkunst um 1500 zu entwerfen. Aber dieser Fall
illustriert auch, wie ein Künstlername ausgebeutet wird,
wie von seinem erhellten Werk eine Wolke von Zu-
schreibungen und sogenannten Werkstattarbeiten auf-
steigt. Für die Gmünder Kunst gilt im entsprechenden
Rahmen gleiches, etwa zu lesen im Abschnitt über
Adolf Daucher.
Den Sammeleifer nährten auch Erfahrungen im Um-
gang mit der unerläßlichen kunstgeschichtlichen Me-
thode der Stilkritik, eine zweifellos augenschärfende,

produktive Methode, doch mit einem subjektiven Fak-
tor behaftet. Die Ergebnisse dieses Verfahrens liegen
im Niemandsland zwischen Geltung und Hypothese,
hier Spielbälle der Kritiker. Exempel brauchen wir
nicht weit herzuholen: Der Entwurf der Glasmalereien
in der Sebalduskapelle des Münsters wurde notabene
von Fachleuten abwechselnd dem jungen Wolf Traut,
einem Dürerschüler, der Dürer-Werkstatt, Hans Bal-
dung Grien und Hans Süß (von Kulmbach) zugeschrie-
ben. Auf inschriftlich und urkundlich gesichertes Mate-
rial ist dagegen weithin Verlaß, wenn es gilt, ein Werk
mit einem Namen und einen Namen mit einem Werk zu
verbinden.
Weitere Impulse gab unserer Arbeit die empirische
Methode der modernen Sozialforschung. Sie empfiehlt
die möglichst vollständige Erfassung der Fakten und
eröffnet von daher neue Einsichten, nicht zuletzt in die
Zusammenhänge von Qualitäten und Quantitäten. Die
Stimmigkeit dieser Formel findet sich auch in unseren
Blättern bestätigt. Nur ein Beleg voraus: Bruno Klaus
nennt im Zeitraum von 1300-1650 12 Gmünder Gold-
schmiede, Walter Klein 43, das Verzeichnis 147. Un-
sere Zahl fordert geradezu auf, das Gmünder Gold-
schmiedegewerbe des 16./17. Jahrhunderts neu zu wer-
ten. Und weil sich Qualität und Quantität reziprok ver-
halten, wundert es nicht, unter der Vielzahl der Meister
einen wahren Könner aufgespürt zu haben, Hans Bletz-
ger (t 1577).
Der über das historische Terrain gezogene Rechen hat,
enggestellt, nicht nur die „Großen“, sondern auch die
„kleinen Leute“ erfaßt, ja sie vor allem, die Handwerker
bis hinab zu den Mörtelrührern und Taglöhnern. Auch
sie lassen wir im Register auftreten, mit ihrer Existenz
und ihrem Tun zu Wort kommen, sie, die nach einem
schönen Wort von Heinrich Mann, die größere Wärme
des Geschlechts enthalten. Gewonnen ist mit ihnen ein
Mehr an Leben, ja erst das wirkliche Leben mit seiner
Fülle und den Unauflösbarkeiten der sozialen Dimen-
sion eines Gemeinwesens. Die kleinen Leute haben teil
und weben mit an der Kultur des Ortes, geben mit ihren

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