Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — 1.1885

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Über die Entwickelung der Nliener Bronze-Industrie
in unserin Iahrhundert.
von Doseph Folnesios.
(!Nit teilweiser Benutznng eines vom verfasser i,n Vsterreichischen Museum sür Aunst und Jndustrie
in lvicn gehaltenen vortrages.)

Jntensiver als auf vielen andcrn Gebieten
des Kunstgewerbes ist auf dem der Bronze-
Jndustrie der Zusammenhang mit der hohen
'Kunst: er liegt so offen zu Tage, daß es kaum
nötig scheint, diese untrennbare Verbindung noch
besonders hervorzuheben. Nicht allein, daß die
Brvnze, als vorzüglichstes Ausdrucksmittel der
monumentalen Plastik von der hohen Kunst
direkt in Anspruch genommen wird, stand sie
von jeher in enger Verbindung mit der Archi-
tektur von den ehernen Wandbekleidungen des
homerischen Zeitalters bis zu den modernen Be-
leuchtungsgegenständen unserer Jnnenräume; end-
lich kann sie in allen ihren Erzeugnissen des von
Künstlerhand geformten Modelles nicht entbehren.
Viel unmittelbarer als andere Kunstgewerbe
empfängt sie ihre Anregungen, ihr inneres Leben
aus den Händen der hohen Kunst. Wir mllssen
daher den gleichzeitigen Stand der hohen Knnst
stets im Auge behalten, ja noch mehr, bezüglich
cines nicht unbedeutenden Zeitabschnittes wird
die hohe Kunst allein darüber Aufschluß geben
können, wie es in jenen Kreisen bestellt war,
wo die Kunstindustrie ihre Stätte hatte.
Die Wiener Plastik eröffnete das 19. Jahr-
hundert mit einigen bedeutenden, eine schöne
Zukunst verheißenden Werken. Canova's Chri-
stina-Denkmal in der Augustinerkirche und dessen
Modell des Theseus mit dem Kentauren gehören,
ebenso wie das Kaiser-Josef-Monument, in das
erste Decennium uuseres Jahrhunderts, und als
letzteres nnter der Leitnng Zauners in so vol-

lendeter Weise aus der Werkstätte des kaiserlichen
Artillerie-Gießhauses hervorgegangen war, schien
es, als ob von nun an der Bronzeguß in Wien
seine bleibende Stätte haben werde.
Es kam jedoch anders; bald kehrte mau
wieder zu jenem Aushilfsmittel zurück, das schon
die Werke Rafael Donners so sehr beeinträchtigt
hatte. Fischers vier Brunnen wurden, wie schon
1798 sein trefflicher Moses-Brunnen, in weichem
Metall ausgeführt. Martin Fischer und
Zauner waren damals die bedeutendsten Ver-
treter der Plastik in Wien. Beide hatten sich
von der Manierirtheit ihrer Borgänger losge-
sagt, und pflegten als Anhänger ihrer berühmten
Zeitgenossen Thorwaldsen, Canova und Dan-
necker, die antikisirende Richtung. — Doch was
die hohe Kunst als wirklichen Gewinn aus
dem Studium der Antike zog, war für die
gewerbliche Praxis zu wenig faßbar und den
modernen Bedürfnissen zu sehr entrückt, als daß
es dem Kunstgewerbe hätte förderlich sein köunen.
Die ganze Zeit des Klassizismus war ein not-
wendiger Reinigungsprozeß, eine Schulübung,
um zu echter, wahrer Kunst zu gelangen, und
keine ini eigentlichen Sinne produktive Epoche.
Nur äußerlich schloß sich die Jndustrie der neuen
Richtung an; mit dem Wesen der Dinge und
den Menschen, die sich mit denselben umgaben,
hatten die antikisirenden Formen nichts zu thun.
So entstanden denn auch jene Uhren in Tempel-
form, die Taselaussätze in Gestalt von Opfer-
altären, die Gesäße und Geräte nach Art antiker
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