Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 27.1915/​1916

Seite: 46
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstgewerbeblatt1916/0056
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
Vor einem gotischen Heiligenbilde etwa konstatiert
man mit nachsichtig überlegenem Lächeln: der Maler
habe die Häuser so klein gemalt, daß die Menschen
überhaupt nicht hineingehen können, selbst wenn man
den Raum vom Dachboden bis zum Keller in eins
nehmen wollte. Wie dumm — das spricht man
freilich so nicht aus — muß doch dieser Künstler
gewesen sein! Nun, er hat genau so gut gewußt,
wie Hinz und Kunz, daß seine Menschen nicht in
seine Häuser hineinpassen, denn seltsamerweise hat
er selbst in einem Hause gewohnt. Ist es recht, ihm
nicht einmal ein solches Minimum von Wissen und
Beobachtungsgabe zuzutrauen, als genügt, um das
gegenseitige Maßverhältnis von Mensch und Haus zu
bestimmen! Dafür, daß der gotische Mensch dieses
Wissen vollauf gehabt hat, gibt es einen recht ein-
fachen Beweis: er hat doch seine Häuser richtig
gebaut/ Hätte der primitive gotische Mensch wirk-
lich nicht gewußt, in welchem Verhältnis der Größe
nach Mensch und Haus stehen, dann hätte er ja
Hühnerställe für sich und seine Familie bauen müssen.

Die Kleinheit der Häuser auf den gotischen Bildern
muß also einen anderen Grund haben. Sie kann nur
beabsichtigt sein. Es genügt doch, sich zu vergegen-
wärtigen, welche ungeheure Kunst und welches un-
geheure Können die Gotiker gehabt haben, die so
herrliche, ja doch im Grunde seit dato unerreichte
Dome bauten. Wenn das bißchen Besserwissen, das
wir heute haben, auch nur den geringsten Wert für
die Kunst hätte, besonders die ewig ausgespielte Per-
spektive, dann müßten doch unsere neuen Kirchen-
bauten die gotischen noch überstrahlen. Denn die
vielgelobte Perspektive ermöglicht ja dem modernen
Baumeister, alle Wirkungen schon auf dem Papier zu

konstruieren und zu prüfen, wovon der Gotiker noch
nichts ahnen konnte. Aber man darf bezweifeln, daß
die modernen Bauten diesen Mehrwert an Schönheit
wirklich besitzen. Vielmehr haftet ihnen allzuoft das
Papier, das Reißbrett und die Perspektive in un-
günstigster Weise an. Von dem köstlichen Wachstum
einer gotischen Kathedrale sind sie meist recht weit
entfernt.

Einem trecentistischen Maler die Kleinheit seiner
Häuser als Fehler anzukreiden, ist genau so töricht,
wie wenn jemand angesichts des goldenen Grundes
seiner Bilder sagen wollte: »Wie schlecht haben doch
diese Maler sehen können! Der Himmel ist doch
blau!« Ob das nicht der Taddeo Gaddi und Ottaviano
Nelli und Gentile da Fabriano auch gewußt haben?

Die Beispiele, die wir gewählt haben, um die
Anschauung, es handle sich bei den Eigentümlich-
keiten der primitiven Kunst um Ungewolltes, Un-
gekonntes, also um Fehler, zurückzuweisen, sind gewiß
besonders drastisch. Aber es liegt mit allen anderen
befremdenden Elementen dieser Bilder genau ebenso —
sie sind beabsichtigt, nicht etwa unfreiwillige Komik,
in welche Rubrik das Publikum die »Verzeich-
nungen« usw. noch immer einzuschreiben beliebt.
Es ist absolut notwendig, den falschen dünkelhaften
Standpunkt des Naturalismus fin de siede ganz re-
solut zu verlassen und die primitiven Bilder als das
zu nehmen, was sie sind: Offenbarungen einer künst-
lerischen Schöpferkraft, die in jedem einzelnen Punkte
sich genau bewußt war, was sie tat und tun mußte.
Und hat man diesen einzig richtigen Standpunkt erst
der alten Kunst gegenüber einmal gewonnen, so wird
man auch plötzlich entdecken, welche ungeahnten
Schönheiten die Kunst der Modernsten enthält!

SCHULE UND PRAXIS IM KUNSTGEWERBE

VON HANS GÜNTHER REINSTEIN, HANNOVER

PRÜFEN wir das Können unserer Kunstgewerbeschü-
ler, das sie beim Verlassen ihrer Lehranstalten mit in
das Leben hinausnehmen nach Ausstellungen oder
Veröffentlichungen von Schülerarbeiten; wir sind überrascht
von der Reife der Leistungen. Das sind nicht alltägliche,
mehr oder weniger unverstanden nachgeahmte Modeformen,
sondern wir haben meist den erfreulichen Eindruck, es schon
mit Künstlern zu tun zu haben, die ihre Formen frisch aus
den Äußerungen unserer Kultur schöpfen, unsere Formen-
sprache bereichern und Ausdrücke prägen, die unserem
Zeitgeiste eine deutliche Weise sind, sich mitzuteilen und
begreiflich zu machen.

Sehen wir genauer hin, so erkennen wir wohl, daß es
nicht der Schüler allein ist, der nach so verhältnismäßig
kurzer Lehrzeit diese Lebenserfahrungen in sich aufgenom-
men hat, der seine Studien und Glossen über das vorüber-
rauschende Leben von sicherer Warte einer abgeklärten
Weltanschauung aus wiedergibt; sondern die Weltanschau-
ung ihres Meisters ist es, durch die die Jünger oft klassen-

weise, oft ganze Schulen versammelt, gemeinsam ihren
Lugaus in die Welt unternehmen und was sie sehen und
wiedergeben, ist meist im Sinne ihrer Meister gesehen.

Ein schöner Erfolg gegenüber der früheren Methode,
bei der dem Schüler eine Formensprache gelehrt wurde,
die aus alten, ihm fremden unverständlichen Zeiten stammte,
und deren Wesen er nur nach langwierigen Kultur- und
Geschichtsstudien etwas näher hätte kommen können.

Wir dürfen also mit gutem Recht von diesen Schülern
achtbare Leistungen draußen im Leben erwarten, nur da-
rüber sollten wir uns bei deren Bewertung klar werden,
daß unsere Schulen in der kurzen Zeit nicht selbständig-
schaffende, reife Köpfe erziehen können, wie das ober-
flächlicher Betrachtung wohl scheinen mag, sondern Werk-
zeuge, vorzügliche, brauchbare Werkzeuge bilden sie, die
das Höchste leisten in den Händen befähigter Meister und
aus denen sich bei verständnisvoller Leitung auch gar man-
cher selbständig empfindende Kopf mit eigener Formen-
sprache zu entwickeln vermag.

46
loading ...